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Full text of "Von den Anfängen des Schulzwanges"

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Von den Anfangen des Sehalzwanges 



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Von den 



Anfängen des Schulzwanges 



Festrede 

zur Feier des Stiftungstages der Hochschule Zürich 

m 29. April 1865 

gehalten ton dem zeitigen Rector 
Prof. Dr. IHax BiidlDger 



Zfirioh 

Druck und Verlag von Grell, Fttssli u. Comp. 
1865 



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Hochgeachtete 

und verehrte Herren! 



Immer wird sieb unsere Hochschule am heutigen Tage mit 
Stolz erinnern, dass sie dem freien Entschlüsse der zu einem 
höheren staatlichen Leben erweckten Bürger des zürcherischen 
Freistaates ihre Stiftung dankt. 

Die neue Universität fand hier von ihrem Anfange eine 
akademischer Thätigkeit überaus günstige allgemeine Lage. 

Mancherlei Momente lassen sich anführen, aus welchen die- 
selbe sich zusammensetzte; das vornehmste dünkt mich die durch 
eine mehr als tausendjährige Geschichte dieses Staatswesens 
stetig fortgesetzte und erweiterte wissenschaftliche Kenntniss und 
üebung, wie nirgends sonst verbreitet und bewahrt in einer 
durch die Jahrhunderte nur massig angewachsenen freien Be- 
wohnerschaft, 

Hier allein in überalpischen Landen hat im Beginne des 
staufischen Kaiserthumes der grundsätzliche Angriff auf die nach 
der Weltherrschaft begehrende päpstliche Gewalt, wie ihn Arnold 
von Brescia wagte , freudige Theilnahme gefunden^ Hier vor 
Allem hat sich später die Losreissung von dieser Gewalt in 
engster Verbindung mit dem liebevoll erfassten wiedererweckten 
Alterthume vollzogen, dessen Aneignung man zu einem wichtigen 

1 



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— 2 — 

Gegenstande öffentlicher Sorge erhob. ^ Aus der Vereinigung 
gleichgesinnter Bürger endlich für bestimmte Zwecke wissen- 
schaftlicher Forschung oder Lehre ^ sind seit Jahrhunderten 
wirksame Förderungsmittel geistigen Vorwärtskommens in Zürich 
entstanden. 

Und so fand der Gesetzgeber, als es sich um die Einrich- 
tung unserer Universität handelte, mehrere mit dem ganzen 
Staatsleben längst und enge verbundene Institute, die man nur 
zusammenzuziehen und umzuformen brauchte, um zu einem 
natürlich erwachsenen neuen Gebilde zu gelangen.* Nicht der 
Willkür des Momentes, noch dem Streben nach dem Besitze 
eines literarischen Glanzstückes neben anderen Glanzstücken ist 
die Anstalt entsprungen, der anzugehören heute ihre Lehrer und 
Schüler sich rühmen: sie mag als der Abschluss einer langen 
Entwickelung gelten, wie unbewusst und doch mit heller Be- 
geisterung, in allgemeiner Erregung und doch mit nüchternem 
Urtheile herbeigeführt. 

Aber nicht nur die herkömmlichen Ordnungen der alten 
Universitäten päpstlichen und kaiserlichen Ursprunges hat man 
bei Stiftung der unsrigen vor zwei und dreissig Jahren fest- 
halten wollen — es war mir das letzte Mal an derselben Stätte 
vergönnt, auf die Bedeutung dieser Thatsache hinweisen zu 
dürfen:* mit jenen durch das Gesetz zu uns übertragenen Ord- 
nungen haben wir auch eine ungeschriebene Ueberlieferung 
erhalten, welche den Zusammenhang der langen wissenschaftlichen 
Entwickelung in diesem Staate versinnlicht. 

Denn unter den gelehrten Anstalten, welche in die unsrige 
verschfnolzen worden sind, nahm die durch Zwingli's hohe Seele 
zu einer theologisch -philosophischen Fakultät^ umgebildete den 
ersten Rang ein, welche nach dem ihr damals ertheilten Namen ^ 
und nach unvordenklicher Tradition ihre Anfänge auf Karl den 
Grossen zurückführte. Mit einer alten Schilderei, die ihn vor- 



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_ 3 - 

stellen soll und die wir mit Pietät bewahren, haben wir von 
dem Collegium Carolinum auch den Stifter gern übernommen. 
Wol mag es daher der heutigen Feier entsprechen, an den 
ersten Gründer eines höheren geistigen Lebens in Zürich zu 
erinnern, wie ihn eine mit ausreichenden Thatsachen freilich nicht 
zu belegende Ueberlieferung bezeichnet. Um so eher wollen Sie 
mir eine solche Erinnerung gestatjien, als meines Wissens mit 
eindringender Sachkunde nur einmal bei akademischer Feier in 
öfientiicher Rede hier des grossen Kaisers gedacht worden ist. 
An dessen Todestage, dem 28. Januar, den das Carolinum immer 
festlich begieng,^ hat der Theolog Johann Heinrich Hottinger im 
Jahre '1662 Karls Verdienste dankbar hervorgehoben.^ Es geschah 

— mit der Fülle von mannigfaltigen Kenntnissen und Ideen, 
der frohen Kampfbegier, der soliden Pracht des Ausdruckes, 
welche Hottinger die Bewunderung seiner Zeitgenosseil erwarben 

— in einer zusammenhängenden Darstellung von Zürichs geistiger 
Entwickelung bis zur Reformation. Nach einem solchen Vor- 
gänger in dem Amte'o, welches ich jetzt zu bekleiden die 
Ehre habe, mag es gewagt erscheinen, einen ähnlichen Gegen- 
stand anzuregen; doch die veränderte Auffassung unserer Tage 
über historische Dinge schien mir einige Berechtigung zu 
verleihen. 

Nur eine, aber vielleicht die vorzüglichste und unvergäng- 
lichste Seite von Karts des Grossen W^irksamheit wünsche ich 
vor Ihnen darzulegen: seine Bemühungen um eine wahrhafte 
Volkserziehung und damit einen der elementaren Bestandtheile 
des freien modernen Staates. ! s möge mir aber zunächst erlaubt 
sein, dem Verhältnisse KarFs zu Zürich und seinem geistigen 
Leben vor weiteren Erörterungen einige Worte zu widmen. 

Es haben sich glaubwürdige Stücke einer Urkunde erhalten^', 
durch welche derselbe den bereits an eine bestimmte Form 
des Zusammenlebens gebundenen Geistlichen der Züricher 



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_ 4 - 

Kirche für Pflege und Haadbabong des Gottesdienstes*' Ein- 
künlle sichert. Diese Geistlichkeit berühmte sich noch nach 
etwa fünfhundert Jahren (1272), Reichthümer und Ehren von 
ihm empfangen zu haben *^; einem neu eintretenden Schatz- 
meister des Stiftes wurde (1333) ein Inventar übergeben, in 
welchem Gewände und Bücher genannt werden, welche das 
Stift der Hunificenz des Kaisers danke**; noch bei der Ueber- 
lieferung des Stiftsschatzes in der Reformationszeit wird eines 
solchen Buches und seiner goldenen Einfassung gedacht.'^ 

Diese wenigen, aus weitgetrennten Zeiten stammenden Nach- 
richten können, wie mich dünkt, einem Zweifel doch nicht Raum 
geben; die Bezeichnungen jener Bücher insbesondere erhalten, 
wie wir noch sehen werden, von einer andern Seile ihre 
Bestätigung'^; aber die erwähnten Nachrichten sind auch die 
einzigen, welche Glauben verdienen. Allmählich jedoch und durch 
ein Zusammentreffen zweier ganz verschiedenartiger Momente 
hat sich ein Sagenkreis an den geringen Kern angesetzt. In 
erster Linie scheint hier die Einführung des Karl-Kultus wirk- 
sam geworden zu sein. 

Denn keineswegs hatte sich in Zürich, wie das an dem 
Grabe in Aachen allerdings der Fall war, allmählich eine Ver- 
ehrung des Kaisers als heiligen Wohlthäters gebildet. Ein 
Heil igen verzeichniss des zehnten und ein Festtagsverzeichniss des 
zwölften Jahrhunderts, die am Grossmünsterstifte durch ein paar 
Menschenalter gebraucht und vermehrt wurden, enthalten seinen 
Todestag weder von Anfang bezeichnet, noch später nachge- 
tragen^^; oder anders ausgedrückte man nahm in Zürich von 
der auf Veranstaltung Kaiser Friderichs I. durch einen Gegen- 
papst *^ erfolgten Heiligsprechung desselben schlechterdings keine 
Notiz. 

Nun ist die Heiligkeit Karls des Grossen von der römi- 
schen Kirche in der That niemals offiziell anerkannt, übrigens 



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— 5 — 

seiner Verehrung an einzelnen Orten 'kein Hinderniss in den 
Weg gelegt wordenJ^ Das Grab desselben aber wurde im drei- 
zehnten Jahrhundert ein vielbesuchter Wallfahrtsort und ein für 
das Still der Aachener Marienkirche überaus einträglicher Besitz: 
im Sommer des Jahres 1232 gewährte ein königlich deutsches 
Dekret den dortigen Chorherren fünf Prozent aller Pilgeropfer.^^ 
Es geschah das in einem der wenigen Momente herzlicher Einig- 
keit zwischen dem stauGschen Kaiserthume und dem Papstthume. 

Da entschloss man sich auch in dem Chorherrenstifte Zürich, 
eine Botschaft nach Aachen abzuordnen, um Reliquien Karls 
und Exemplare der an seinem Todestage dort gebräuchlichen 
Legende, Sang- und Gebetweise zu erhalten. Am 27. September 
1233 wurden die erbetenen Stücke, vor Allem ein Finger des 
Kaisers in einem Krystallgefässe^', hier feierlieh eingebracht 
und der förmliche Beschluss gefasst, fortan den Tag Karls zu 
feiern.^2 b^ij erscheint (1295) sein Name als der des Gründers 
in den neuen Statuten ,^^ sein Bild in dem Vorstehersiegel des 
Chorherrenstiftes.** Aus dessen Mitte geht eine Compilation von 
Nachrichten über ihn hervor;" andere werden als schätzbar in 
einem Lehrbuch der Weltgeschichte bemerkt.*^ Zugleich etwa 
(1272) erhebt. die oberste geistliche Landesautorität, der Bischof 
von Constanz, das Karlsfest zum Range eines allgemeinen Feier- 
tages in Zürich und bringt dabei ein durch eine wunderliche 
Irrthumsreihe entstandenes Märchen von einer neuerlichen 
Heiligsprechung des Kaisers mit vieler Andacht vor.^^ 

Die Zeit aber, in welcher der Karl-Kultus hier so rasch 
Wurzeln schlug, war zugleich die eipes mannigfach angeregten 
geistigen Lebens in Zürich, die einer mit Recht gefeierten Gene- 
ration von Gelehrten und Dichtern, von Forschern und Sammlern 
der Hervorbringungen alter und neuer Zeit in lateinischem und 
deutschem Idiom.*" 



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— 6 - 

Und auch der öflfentliche Unterricht gewann eben damals 
eine neue Gestall. Denn man darf sagen, dass in der Ge- 
schichte der geistigen Entwickelung dieses Landes mit den 
beiden Jahren 1523 und 1832,^^ welche in der Neuzeit ent- 
scheidend geworden sind, auch das Jahr 4259 für den Beginn 
eines nachhaltigen Aufschwunges als epochemachend betrachtet 
werden muss. Am 1. Mai dieses Jahres wurde mit Creierung 
eines neuen Amtes^<> ein hervorragender und eifriger, wenn auch 
confuser Gelehrter zum musischen Leiter der alten Stiftsschule 
erhoben und bald darauf (1272) die oberste Verwaltung des 
Unterrichtswesens durch Anweisung einer festen Jahreseinnahme 
zu einer unabhängigen Stellung umgeschafFen.^» 

Indem man während dieser Erhebung des Schulwesens 
daran gieng, die Kunde von dem neuen Hwligen besser zu 
fixieren, fand man keine auf den Unterricht bezügliche Ueber- 
lieferung über ihn in Zürich, welche der Aufzeichnung werth 
erschienen wäre ;^^ und noch als man um die Mitte des vierzehnten 
Jahrhunderts (1346) eine neue Karl-Legende compilierte, ward 
keine solche Ueberlieferung erwähnt. ^3 

Aber in den nächsten Jahrzehnten, während deren eine 
ordnungsmässige Feier versäumt ward,'* verwischten sich die 
Erinnerungen und in der Auffassung folgender Generationen, in 
einer der Sagenbildung noch so günstigen Zeit, scheinen Karl- 
Kultus und Erhebung des Schulwesens zusammen gefallen zu 
sein, wie sie ja sachlich nur durch wenige Jahrzehnte ia ihren 
nachweislich 3'^ rasch vergessenen Anrängen getrennt sind. 

Wir aber müssen unabhängig von einer keine Gewähr 
bietenden jüngeren Ueberlieferung auf unsere eigene Kunde 
karolingischer Zeiten vertrauen, wie sie seit zwei Jahrhunderten 
erschlossen wird. 

Das Wesentlichste dürfte hier sein, dass Karl der Grosse 
älterem kirchlichen Herkommen entsprechend für Heranbildung 



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— 7 ~ 

von Klerikern, freien wie unfreien, Massregeln traf, insbesondere 
Leseübungen der dem geistlichen Stande sich widmenden 
Knaben befahl. ^^ Die eingehendste unter den betreffenden 
Verordnungen, datiert vom 23. März 789, legt die Sorge für 
jene Heranbildung und diese Leseübungen in erster Linie 
solchen Vereinigungen von Geistlichen auf, wie deren damals eine 
auch an der Züricher Kirche bestand. ^^ Dass man hier eine 
Ausnahme nicht zugelassen habe, dürfen wir auch gnbezeugt 
annehmen. 

Das MAss von Kenntnissen aber, zu welchem man diese 
Geistlichen bringen wollte, war gegenüber den Forderungen 
einer liberalen Erziehung, wie sie im Alterthume und in der 
Neuzeit verslanden worden ist, ein in hohem Grade dürftiges; 
es war ein dürftiges selbst im Vergleiche zu den keineswegs 
musterhaften gelehrten Schulen des damaligen byzantinischen 
Reiches, in denen man doch noch mit Homer begann und zu 
anderen unter den edelsten Hervorbringungen des hellenischen 
Geistes fortschritt.^* Auch wäre es der Würde dieser Versamm- 
lung und der heutigen Feier wenig enisprechend, wenn ich von 
den Einzelheiten so unvollkommener Bemühungen -^^ Nachricht 
zu geben unternähme. 

Karls Verordnungen über die Heranbildung von Geistlichen 
haben nun aBer ein von ihrem sachlichen Inhalt ganz unab- 
hängiges Interesse durch den Zusammenhang, in welchen sie 
gehören, durch den auch ihnen zu Grunde liegenden Versuch 
einer streng controlierten, völlig allgemeinen Volkserziehung, wie 
sie damals zuerst in das Staatenleben eingeführt werden sollte. 

In einer grossen Zahl germanischer Staaten, ganz beson- 
ders aber in den hiesigen, ist man dazu gelangt, die Heilsam- 
keit solcher Volkserziehung allseitig zuzugestehen oder — um 
die zunächst liegende Aeusserung derselben zu nennen — die 
Nothwendigkeit des Schulzwanges einzusehen. Man hat in dem- 



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- 8 - 

selben die beste Befreiung der Massen aus dem schlimmsten 
Abhängigkeitsverhältnisse erkannt, aus dem, welches in dem 
Mangel für die intellektuellen Mittel des Fortkommens liegt. 
Eben mit der Erweiterung politischer Freiheit hat eine mäss- 
volle Handhabung der öfientlichen Gewalt die Verpflichtung zum 
Unterrichte für alle Staatsangehörigen schärfen zu müssen ge- 
glaubte® Nur so schien es möglich, die Kraft des Volksganzen 
nach allen Seiten in Thätigkeit zu setzen, den einzelnen Bürger 
zur rechten Anspannung der seinigen zu befähigen: nur so 
schien es möglich, einem Lande, das keine Form staatlicher 
Unberechtigung für seine Angehörigen kennen will, in jedem 
Bürger den vollbefahigten Streiter für das öffentliche Wohl zu 
erwerben, wie die besten Demokratien des Alterthums sie in 
den Minderzahlen ihrer allein berechtigten Staatsgenossen be- 
sessen haben. 

Zu einleuchtend sind hier vor aller Welt die Wirkungen 
dieser Maximen geworden, als dass man nicht auch in einem 
grossen Nachbarlande ihnen bewundernde Aufmerksamkeit 
geschenkt und Anfänge zur Nachahmung eines so bewährten 
Verfahrens gemacht hätte. 

Doch dürfte auch ein zweites Moment hierbei einer tieferen 
Betrachtung sich nicht entziehen. Es gibt eine stille Bedingung 
des heilsamen Schulzwanges, das ist seine feste Begrenzung 
und ein steigendes Mass von Freiheit für die steigenden 
Studien. 

Denn es mag mir an dieser Stelle zu sagen verstattet sein, 
dass mit der Einengung akademischer Wirksamkeit auf die Aus- 
feilung von Verwaltungsrädern der Grundsatz controlierter Volks- 
erziehung nur im Schema stimmt. 

Nicht so verstand auch der grosse Gründer eines fest or- 
ganisierten romanisch-germanischen Kulturstaates dessen Aufgabe. 
Nahe genug hätte sonst der dienstfertige Eifer gunstbeflissener 



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— 9 -^ 

Gelehrten dem gewaltigen Herrscher eine Beschränkung 
forschender und lehrender Thätigkeit in diesem Sinne legen 
können. »Nach dem unerschöpflichen Schatze Eurer Güte«, so 
lispelt ihm einer dieser Gattung/** »mög^t Ihr über das Eurem 
allerruhmreichsten Blicke Unterbreitete entscheiden, ob es 
Eurem Befehle entspricht.« Denn nur starke Seelen vermögen 
sich dem Drucke zu entziehen, den eine in ununterbrochenem 
Gelingen begriffene politische Gewalt auf die Menschen übt. 

Und wenn je eine, so war die Karls des Grossen eine 
solche: seine Zeitgenossen mindestens haben die Beschrän- 
kungen nur als freiwillig eingeräumte aufgefasst, welche Normannen 
im Norden, Araber und Griechen im Süden seiner Herrschaft 
setzten. Es waren ja doch auch sonst von dem Tage an, da 
nach dem Absterben seines Bruders ein rascher und vertrauens- 
voller Entschluss der fränkischen Grossen ihm ohne Rücksicht 
auf formelle andere Berechtigungen'^^ die Gesammtmacht seines 
Vaters übergeben hatte, alle seine kriegerischen und politischen 
Unternehmungen zu eben so vielen Erfolgen geworden. So 
weit als für die natürlichen Kräfte des fränkischen Volkes nur 
irgend wünschenswerth, hatte er die Macht desselben verbreitet. 
»In kürzester Zeit,a wie man in seines Enkels verdüsterten Tagen 
sagte, »hat er mit eifriger Sorge es vollbracht, dass gleichsam 
neu die Welt erschien, anmuthig in hellem Lichte, mit bunten 
Blüthen geschmückt. «^^ 

Ich weiss nicht, ob es für eine echte Anschauung der Dinge 
berechtigt ist, wozu sonst Jeder neigt, wie für die Züge der 
Lebenden, so für die hervorragenden Merkmale historischer 
Persönlichkeiten nach Analogien zu suchen; denn auf das 
stärkste ist, wie des Menschen Thätigkeit, so das Gepräge seines 
Daseins von dem natürlichen Laufe der ihn umgebenden Ver- 
hältnisse bedingt und kann in anderen kaum gedacht werden. 
Wollte man aber doch einmal die Lebenssummen der vornehmsten 



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- 40 - 

Lenker menschlicher Geschicke vergleichend betrachten, so wird 
man vielleicht grössere Feldherren finden, als Karl (welcher 
Kriegsruhm könnte mit Alexanders vollen und geschwinden 
Siegen verglichen werden!): grössere Staatsordner (des Caesar 
Name schien durch anderthalb Jahrtausende den Völkern eine 
Bürgschaft ihres Friedens); aber man wird keinen Herrscher 
finden, der wie Karl die Beseligung und Erhebung der Men- 
schen als seine Autgabe betrachtet hätte. Von tiefem Schmerz 
ergriffen über den Tod des treuen, langjährigen Freundes auf 
Petri Stuhl wdsste er für ihn keinen rühmenderen Nachruf 
als den, er habe die Kirche mit Geschenken, die Völker mit 
heiligem Glauben erfüllt und Allen den Weg zu den Sternen 
gezeigt.** 

Wenn in seinen weiten, unter tausend Gefahren, in allen 
Wettern und Zonen, unter Strömen von Blut der Verwirklichung 
entgegengeführten Planen der Festsetzung des Christenthums in 
den Gemülhern der Menschen natürlich auch ein Motiv welt- 
licher Herrschlust mit unterlief, so war es doch ein sehr un- 
bewusstes, und nur der halbe Sinn neuer Afterrede konnte 
solche unbezeugte Klugheil an die erste Stelle rücken. Aber 
wer die Bedrängnisse einer nach dem Versländnisse des Unend- 
lichen ringenden Seele kennt, der wird gern von dem Studium 
des Sternenlaufes vernehmen, dem Karl so viele Zeit und Mühe 
widmete,*^ mit Ehrfurcht seine ängstlichen Zweifel über Wider- 
sprüche der Bibel lesen ,*^ den Gleichmuth verstehen, mit wel- 
chem er den Schuldünkel lehrhafter Diener ertrug.*^ 

Unmittelbar mit dem Beginne seines Regimentes, noch bei 
Lebzeiten seines Bruders, enthüllt er seine Absichten und Ideale. 
Er gibt nichts auf den erlauchten Rang, den noch sein Vater 
den Menschen immer gegenwärtig halten zu müssen glaubte; 
dafür nennt er sich einen »ergebenen Verlheidiger der heiligen 
Kirche und des apostolischen Stuhles Helfer in Jeglichema; auf 



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— 1i -- 

die geistliche Leitung seines Reiches erhebt er hiebei unbe- 
dingten Anspruch nach der Bischöfe und übrigen Priester Bei- 
rath: Kriegsdienst und Jagd, Zuchtlosigkeit und Ignoranz will 
er schlechterdings nicht mehr bei seinem Klerus dulden: eben 
der Klerus soll für einen christlichen Wandel des gesammten 
Volkes einstehen; die im .öffentlichen Interesse angeordneten 
Gebete soll überhaupt Niemand versäumen.^* 

Er mochte gern auf ein wolerfülltes Lebenswerk zurück- 
blicken, als ihm wenige Monate vor seinem Ende die Beschlüsse 
einer grossen geistlich-weltlichen Versammlung vorgelegt wurden, 
die den sittlich-religiösen Zustand des Reiches noch einmal in 
Erwägung gezogen hatte. Mit innigen und begeisterten Worten 
findet man von den Versammelten der Dankbarkeit gegen Gott 
Ausdruck gegeben, welcher seiner Kirche in dem Kaiser Karl 
einen so frommen und ergebenen Leiter gewährt habe, der sich 
geistliche Nahrung und Erhebung des Volkes mit unermüdlichem 
Eifer angelegen sein lasse,*^ der, wie sie sich ausdrücken, »Christi 
Kirchen heiler schmückt, der da sucht, dem Schlünde des hölli- 
schen Drachen viele Seelen zu entreissen, sie an den Busen der 
heiligen Mutter Kirche zu berufen. Alle insgemein zu laden zu 
den Freuden des Paradieses und den himnohschen Reichen.« 

Nicht als der harte Richter über Rebellen und Verschwörer, 
wie ihn die Tage von Verden und Regensburg mit blutigen Zügen 
erscheinen lassen, tritt uns Karl in dem ürlheile der Zeit- 
genossen entgegen, noch wollte er selbst als furchtbarer Regent 
erscheinen — er, den die offizielle Geschichtsshreibung als 
verständigsten und mildesten Mann, als Gottes Gutsverwalter 
bezeichnet.^ö Man dürfte die Stimmung, wie er sie gern über sich 
verbreitet sah, am besten aus den Schilderungen eines kunst- 
geübten Dichters seiner näheren Umgebung kennen lernen/* 
In immer neuer Situation mit rasch wechselnden Bildern wird 
uns der schon dreissig Jahre gebietende König gezeigt: seine 



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— 12 ~ 

Gemahlin, seine Kinder, die Töchter namentlich; deren Umgang 
er nie entbehren wollte, werden mit preisender Ergebenheit vor- 
geführt; der jüngere Sohn geleitet den Papst an des Vaters Hof, 
da sitzen der König und der oberste Bischof des Weltrunds zu- 
sammen und trinken aus breiten Schalen schäumende Weine. 
Ein ander Mal bezeichnet der Gebieter in seiner Burg in Aachen 
stehend, die Plätze, auf denen ihm dort ein neues Rom erstehen 
soll: sofort beginnt die geschäftige Schaar, Säulen werden ge- 
brochen, Felsen gewälzt; es schliesst sich das hohe Kuppeldach; 
zum Bade an den heissen Quellen »fügen sie mit marmornen 
Stufen geräumige Sitze.« Dann schreitet der König hinaus über 
die heilige Schwelle des erhabenen Tempels, um mit seiner 
Familie und seinem Hofe zur Jagd zu ziehen; »rascher als die 
geflügelten Vögel« Allen voran auf edlem Rosse tödtet er Schaa- 
ren von Ebern und vertheilt seine Jagdbeute unter seine Grossen. 
Nur einmal wird man in diesem Leben voll Freude, Kraft und 
Erfolg erinnert, dass der König verdienlermassen die Ungerech- 
ten mit straffem Zügel bändigt und den Hochmüthigen ein hartes 
Joch auf den Nacken legt. Es sind sonst durchaus die Eigen- 
schaften des milden und friedliebenden Herrschers, die gepriesen 
werden: »an Gütigkeit übertrifft er«, wie uns versichert wird, 
»alle Könige der Erde«. Als ein stehendes Beiwort erhält er 
den Namen des Vaters, des ehrwürdigen Hauptes einer grossen 
Völkerfamilie, geradezu des Vaters von Europa. 

Und kein Ehrenname mochte damals Karls Sinne mehr ent- 
sprechen, obwol er wenig später, nach Empfang der kaiserlichen 
Würde, den eines von Gott gekrönten vorgezogen hat. 

Denn ein im besten. Sinne priesterlicher König wollte er 
sein; wie er sich ausdrücktet^^ »der Sorge für die Besserung 
seiner Kirchen walten,« oder, in die Formen unseres Denkens 
übertragen: über die sittliche und geistige Entwickelung seiner 
Völker wachen. Man bat ihn in seiner Umgebung mit Augustus*^ 



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- 13 — 

der Papst^^ hat ihn mit Constantinus verglichen; aber das machte» 
so viel man sieht, keinen Eindruck auf ihn: er selbst verglich 
sich am liebsten einigen Königen der jüdischen Theokratie. Von 
seinen Studiengenossen liess er sich König David nennen ;^^ den 
König Josias stellte er einmal als sein Musterbild auf, weil der 
»umherreisend, bessernd, ermahnend das Volk zur Verehrung 
des wahren Gottes zurückzuführen gesucht habe.« »Nicht als 
ob ich mich ihm vergleichenswerth dünkte,'« fügt er hinzu, »aber 
wir müssen das Vorbild der Heiligen immer befolgena.^^ Unter 
dem verständigen Beirathe der dazu Berufenen will er nach 
solchem Vorbilde seine Pflicht erfüllen; wie er auf eine Sieges- 
nachricht im Kriege gegen die Avaren einen Bettag ansetzt, 
geschieht es nicht nur mit sorgsamer Schonung des Einzelwillens 
selbst im Heere, sondern auch mit bescheidener Anerkennung 
der besseren Sachkunde seiner Geistlichen.*^ 

Von dieser tiefen Ueberzeugung aus, die sein ganzes 
Dasein beherrscht, von diesem Gefühle einer gottverliehenen Ver- 
pflichtung geistlicher Obsorge will auch Karls Thätigkeit für 
Volkserziehung und Schule verstanden sein. »Halte es Niemand,« 
ruft er einmaH* in inniger Bewegung, »halte es Niemand, ich 
bitte ^uch, für eine Anmassung, wenn ich zur .Frömmigkeit er- 
mahne, sondern nehmt es auf mit wohlwollender Liebe!« Wie 
wenig haben rasche Urtheiler und unter ihnen schon der fromme 
Handwerker*^, der sich aus Dankbarkeit gegen den kaiserlichen 
Wohlthäter zu seinem Biographen berufen glaubte — wie wenig 
haben sie das innerste Wesen dieser hohen Natur erkannt, wenn 
sie Karls gelehrte Studien mit dem widrigen Literaturtreiben 
anderer Fürsten verglichen. Wenn man den Lebenden an sei- 
nem Hofe als leuchtenden Kenner der Grammatik und trefi'lichen 
Lehrer der Rhetorik pries, den Hingeschiedenen mindestens 
noch professionellen Redemeistern gleich stellte,^'* so passt auf 
ihn das eine so wenig wie das andere. Aus den Briefen, die 



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- 14 — 

er diktierte, ersieht man, wie so ganz allein die Sache und der 
Wahrheitsdrang und das höchste, bis in jede Einzelheit sich 
kundgebende Pflichtgefühl ihn bei seinen Studien leiten; es 
quält ihn, einem Kriegsmanne seines Gefolges einen vielleicht 
unrichtigen gelehrten Bescheid zu geben.^* 

Erst als sein kriegerisches Königsamt ihn nach Italien rief, 
das matt gewordene langobardische Staatswesen zu neuer Form 
zu hämmern, trat er in persönliche Beziehungen zu den 
Bewahrern der aus dem Alterthume überkommenen Gelehrsam- 
keit, welche das Land noch barg. Durch die milde Festigkeil, 
die er als Sieger zeigte, gewann er die Herzen ihrer bedeu- 
tendsten Vertreter und lohnte ihnen glänzend ihr dürres Wissen. 
Einen dieser italischen Meister der grammatischen Kunst, der 
sich in seinem unaufhörlichen Kampfe gegen den unsichtbaren 
Feind dem besten Kriegsmanne von Italien ebenbürtig glaubte, 
beschenkte Karl bald mit Rebellengütern ; ^^ (j^n Bitten eines 
zweiten gewährte er die Freiheit anderer Empörer ;^3 er selbst 
nahm Unterricht bei einem Dritten, nicht eben dem Scharf- 
sinnigsten.^^ 

Aber in ganz anderem Masse als bei diesen Fachmännern 
fand er in Italien ein entgegenkommendes Verständniss seiner 
Plane bei dem von ihm vor Unterdrückung geretteten Papste 
Hadrian I. Nicht über die bei der Bedeutung der beiderseitigen 
Stellungen unvermeidlichen kleinen Conflicte,®* sondern über 
das durch eine gegenseitige Mässigung ermöglichte, zu treuer 
Freundschaft steigende Einvernehmen zwischen Beiden muss 
man erstaunen. »Niemand gibt es auf der Welt,« wie Hadrian^^ 
in guter Ueberzeugung versichert, »der mehr für Eurer könig- 
lichen Hoheit Grösse besorgt wäre, als unser apostolisches 
Gebet.« Aus dieses Papstes Hand empfing Karl eine Sammlung 
geistlicher Rechtsquellen, wie sie Beiden als Richtschnur auch 
für die Staatsgewalt entsprechend schienen.^^^ 



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- 15 - 

Aber Niemand war mehr geignet, des Königs und Kaisers 
Ideen im Einzelnen auszuarbeiten und zur Durchführung vor- 
zubereiten, als der angelsächsische Gelehrte, den ein redlicher 
Trieb Gutes zu wirken und die unruhvoUen Zustände seines 
Heimathlandes zuerst als geehrten Gast und dann in einer fürst- 
lichen Zurückgezogenheit in Tours mit sehr geringen geschäft- 
lichen Verpflichtungen an das fränkische Weltreich banden. Man 
würde Alkuin Unrecht thun, wenn man ihn mit originalen Geis- 
tern vergleichen wollte. Seinen Gedichten, Interpretationen, 
Streitschriften, Briefen kann man doch nichts Anderes nachrüh- 
men, als in schicklicher Form die für den Moment genügende 
Auskunft gefunden zu haben. Ich denke, dass eben diese Eigen- 
schaft dem ehrbaren, ängstlichen und selbstgefälligen Manne 
seinen Werth in Karls Augen mehr als seine Gelehrsamkeit gab, 
die bald ausgenutzt war und deren Inhalt doch mit der des ersten 
unter den italischen Meistern sich nicht messen kann, jenes an- 
muthvollen Geschichtsschreibers der Langobarden, des Diakonen 
Paulus, der auch uns noch als ein Lehrer gilt. Aber Alkuin mit 
seinem ruhe- und freundebedürftigen Herzen, mit seinem säubern 
Arbeitstalente, mit seiner Alles wissenden und Alles gern an- 
fassenden Geschicklichkeit war in der That der einzige Mann, 
die Ideen des geistesgewaltigen Herrn rasch zu disponieren und 
dem Gegebenen anzupassen. 

Dazu brachte er noch einige sehr schätzbare Momente einer 
eigenthümlichen Stellung und Erfahrung mit an den fränkischen 
Hof. Er hatte weitreichende gelehrte Verbindungen in Italien, 
ganz besonders aber in den Reichen der Angelsachsen, damals 
ohne Zweifel des höchstgebildeten unter den germanischen 
Völkern. Karls V^affen unerreichbar — denn eine Seemacht besass 
er nicht — war es von der äussersten W^ichtigkeit für ihn, die hohe 
Autorität der angelsächsischen, dem römischen Stuhle von jeher 
anhänglichen Kirche, von der so edle Bekehrer in deutschen 



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- 16 — 

Landen ausgegangen ^aren, nicht zu seinem Schaden entfaltet 
zu sehen: er hatte nichts dawider, wenn die Botschafter des 
dortigen Oberkönigs und seine eigenen am päpstlichen Hofe auf 
gleichem Fusse behandelt wurden.^^ Als eine Art Glücksfall 
musste er es betrachten, dass bei einer ausbrechenden dogma- 
tischen Streitigkeit, welche mit der Einigkeit des Glaubens auch 
den Gehorsam der Geister in seinen Reichen zu erschüttern 
drohte, die Geistlichkeit der Inselreiche seiner fränkischen Ma- 
jorität zur Seite stand. Eben Alkuin hatte er dieses Ergebniss 
zu danken und vergalt es ihm mit zunehmender Rücksicht.^^ 

Endlich traf er bei diesem seinem vielgelehrten Gefährten 
noch eine Reihe von verwandten Auffassungen, wenn sie auch 
aus sehr verschiedener Quelle entsprangen; Alkuin gesteht etwa 
der Mathematik nur Werth zu, weil sie den tiefen Sinn bibli- 
scher Zahlangaben verstehen lehre, und die Verpflichtung für ein 
ernstes Studium überhaupt leitet er aus biblischen Sprüchen abJ^ 

Diesem Gedankengange entspricht auch das königliche Aus- 
schreiben, vermuthlich aus dem Jahre 782, welches allen geist- 
lichen Congregationen literarische Studien mit eindringlichsten 
Worten gebietet und die Pflicht derselben in erster Linie aus 
der Gefahr eines ungenügenden Verständnisses der Bibel ab- 
leitet. »Wenn schon alle Menschen, a sagt das Edikt, »die Lüge 
meiden sollen, wie viel mehr nach Möglichkeit diejenigen, welche 
speziell zum Dienste der Wahrheit verordnet sind.« Die Un- 
gebildeten aber, welche ihren Ideen den richtigen Ausdruck 
nicht zu geben vermögen, seien in solcher Lage und selbst 
grammatische Studien für sie eine religiöse Pflicht.^' 

Demselben Gedankenkreise ist die Durchsicht der ganzen 
Bibel und ihre Befreiung, wie sich Karl ausdrückt, »von den durch 
die Unerfahrenheit der Schreiber veranlassten Entstellungen« 
zuzuweisen.^^ Mit anderen konnte wol auch die Züricher Kirche 
sich berühmen, ein Exemplar des so verbesserten Textes Karls 



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Freigebigkeit zu danken — vielleicht dasselbe Prachtwerk, wel- 
ches in den dermalen der Kantonalbibliothek zugewiesenen 
Räumen mit den anderen Schätzen derselben so angentigend 
geschützt ist. 

Mit der Bibel besass die Züricher Kirche, und zwar sicher als 
Karls Geschenk, die beiden Bände der neuen, von dem Diakonen 
Paulus auf seinen Befehl angelegten Homiliensammlung, Das 
Begleitschreiben, mit welchem der König seine Gabe den Kirchen 
sendete, rühmt, dass im Gegensatze zu den bis dahin üblichen 
»mit unnützer Mühe, wenn auch in guter Absicht zusammen** 
getragenen« die neue Sammlung aus einer aufmerksamen Lek- 
türe aller einschlägigen Schriften entstanden sei »wie man von 
weiten Wiesen einzelne Blumen zum Kranze sammelta^^ 

Schon in jenem idas ganze Leben des Klerus ins Auge 
fassenden Edicte nach seiner Thronbesteigung ist es ausge- 
sprochen: Karl wollte die geistige Nahrung nicht einem bevor- 
rechteten Stande zu Theil werden lassen. Ohne Zweifel ganz 
aus seinem Sinne ist es, wenn Alkuin ihm mit Nachdruck die 
Verderblichkeit der lieblosen Lehre hervorhebt, dass die Bibel- 
kunde auf die Geistlichkeit beschränkt werden solle.^* 

Seit der Kaiserkrönung tritt die Idee — eine der grössten, 
die je in das staatliche Leben eingeführt worden sind -^ dass 
der Regent für eine eigentliche Volkserziehung Sorge zu tragen 
verpflichtet sei, präciser, dringender und gewaltsamer hervor. 
Hat man doch in unserer Zeit schon an dem Akte der Ueber- 
nahme kaiserlicher Gewalt im Abendlande Alkuin einen grossen, 
wie mich dünkt, übertriebenen Antheil zugeschrieben! Aber bei 
den Berathungen, die Beide nach der Rückkehr des neuen 
Kaisers in Tours pflogen, scheint die Frage der Volkserziehung 
m der That zu ihrer ersten und dadurch welthistorischen Lö- 
sung gebracht worden zu sein. 



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- «8 ^ 

Auf einem kleineren Gebiete in Alkuins Heimathlande hatte 
man bereits in dessen Jugend im Jahr 747 auf einer Synode 
den Anfang zur Einführung eines allgemeinen Schulunterrichtes 
gemacht. Man legte es dort den Bischöfen, Aebten und Aebtis- 
sinnen als Pflicht auf, darüber zu wachen, dass in den Herzen 
aller ihrer Pflegebefohlenen das Studium der Scbrifl; ununter- 
brochen walte. »Forlan,« so lautet der Beschluss weiter, »fortan 
sollen die Knaben in den Schulen angehalten und geübt werden 
zur Leetüre der heiligen Wissenschaften und sie hiedurch er- 
funden werden der Kirche Gottes zu aller Art Gewinn.«'* 

Schon war auch in Aikuin's Nähe in der Diözese von Or- 
leans von einem der aus Italien gekommenen Gelehrten, dem 
charaktervollen Gothen Theodulf, der seit einigen Jahren (794) 
dort das Bisthum inne hatte, vermuthlich bald nach seiner Er- 
nennung, der Versuch eines allgemeinen Volksunterrichts gemacht 
worden. In einem Rundschreiben an seine Pfarrer schärft er'^ 
denselben ein, in den Dörfern und auf den Höfen Schule zu 
halten. »Und wenn einer der Gläubigen,« so ordnet Theodulf 
weiter an, »seine Kinder ihnen zum Unterrichte vertrauen will, 
so sollen sie dieselben anzunehmen und zu belehren nicht ab- 
lehnen, sondern sie mit äusserster Liebe unterweisen, auch kei- 
nen Lohn hiefür verlangen, mit Ausnahme etwaiger freiwilliger 
Liebesgaben der Eltern.« 

Und war nicht seit mehr als zwei MenschenaiCern das Be- 
streben jener angelsächsischen Missionäre, die unter dem Schutze 
von Karl's Vorfahren des Christenthum einzuführen oder zu er- 
neuern unter den Völkern des Festlandes erschienen — war nicht 
deren Bestreben auf ein wirksames Verständniss der von ihnen 
gespendeten Lehre gerichtet gewesen?^' 

Nur wenn man alle diese Momente zusammen hält: die 
steten und tiefen Ueberzeugungen des mit der geheiligten Kaiser- 
würde neu geschmückten Königs von seiner Pflicht der Fürsorge 



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- 19 — 

für die Gefster, die gelehrten Neigungen und Reminiscenzen wie 
die unmittelbaren Beobachtungen seines berathenden Dieners, 
die neueren Ueberlieferungen der fränkischen Kirche von den 
Missionaren — nur wenn man das Zusammenwirken dieser That- 
Sachen und Ideen festhält, werden die epochemachenden Häss- 
regeln der nächsten Jahre begreifliich. 

Wie fortan zur Handhabung und Ueberwachung einer voll- 
kommen zuverlässigen Gerechtigkeit. und gehöriger Ordnung auf 
den Krongütern vornehme geistliche und weltliche Beamte mit 
ausserordentlichen Vollmachten vereinigt abgeordnet wurden, so 
soll auch die weltliche Gewalt für die geistliche und geistige 
Erziehung thätig mitwirken. Was bisher nur in allgemeinsten 
Formen vorgeschrieben worden war, etwa »dass Gott von ganzem 
Herzen geliebt werden solle,« ^^ gewmnt nun bestimmte Gestalt, 
von einem Gesichtspunkte allgemeiner religiöser Vertiefung auf 
der einen, von dem eines allgemeinen Schulunterrichts auf der 
andern Seite. 

Schon im November des Jahres 801 ^^ erhielten jene obersten 
Aufsiohtsbeamten den Befehl, darauf zu sehn, dass alle Pfarrer 
vollkommen zur religiösen Unterweisung des Volkes in Predigt 
und Erklärung befähigt seien. Gewisse kirchliche Formeln solle 
Jedermann im Reiche und zwar in der auch gegen Zauber nütz- 
lichen lateinischen Sprache hersagen können, sonst aber von 
der Pathenschaft ausgeschlossen werden. Wiederholt kommt der 
Kaiser auf seine Vorschrift zurück, bis er endlich, etwa im Jahre 
806«^ verfügt, dass Jeder ohne Unterschied, der diese Formeln, 
sich nicht eingeprägt habe , mit leiblicher Strafe oder mit Nah- 
rungsentziehung belegt werden solle, bis er sie auswendig wisse, 
im Falle offener Renjtenz aber zu besonderer Bestrafung an den 
Hof zu bringen sei. Karl geht so weit, selbst Frauen für ihre 
Unwissenheit mit Peitsche oder Fasten zu bedrohen.^' Es kün- 
det sich, wie man sieht, ein segensreiches Prinzip in rauher 



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— 20 - 

und geradezu unschöner Form an , die anserm Gefühle auf das 
äusserste widerstrebt. 

In der That muss aber sofort einleuchten, wie dem guten 
Willen des Regenten die Ausführung schlechterdings nicht ent- 
" sprechen konnte; denn nur auf sehr primitive Mittel fand sich 
die Staatsgewalt des fränkischen Reiches — ohne Polizei» ohne 
Finanzen, ja ohne Administration im Einzelnen, wie sie gewesen 
ist — für Vollstreckung ihrer Befehle angewiesen. Für so ge- 
waltsam in die individuelle Bewegung eingreifende wie die vor- 
liegenden, wäre vollends nur ein Verwaltungs - Mechanismus 
äusserstef Unfreiheit ausreichend, wie man ihn in einem ur- 
sprünglich von den Jesuiten organisierten südamerikanischen 
Lande sich neuerlich hat entwickeln sehen. 

Aus naheliegenden Gründen beschränkte sich sonach Karl 
nach wenigen Jahren darauf, von dem Zuspruche der Geistlich- 
keit für die Sache das Beste zu erwarten.^^ Der Klerus selbst 
freilich hat noch einmal mit sehr nachdrücklicken Worten die 
früheren Strafbestimmungen verlangt und keine andere Conces- 
sion machen wollen, als die Hersagung jener Formeln in der 
Landessprache bei besonders Unbefähigten zu gestalten;'^ der 
Kaiser selbst hat sich nicht weiter auf die Sache eingelassen."^ 

Gleichzeitig aber mit jenen rein kirchlichen Weisungen vom 
November 801 ergieng"^ eine auf den Unterricht der Kinder be- 
zügliche, allgemeiner gehalten und ohne die hierauf nach der 
Natur der Sache damals ganz unanwendbaren Strafbestimmun- 
gen. Die wenigen der niedern Geistlichkeit als Amtsverpflichtung 
ans Herz gelegten Worte der kaiserlichen Verordnung lauten: 
»Jedermann soll seinen Sohn zu literarischer Lehre senden und 
mit aller Sorge in derselben belassen, bis er gut unterwiesen 
ist.« In dankbarer Form hat die Sage auf schweizerischem Boden 
sich noch im neunten Jahrhundert der unterschiedslosen Für- 
sorge des Kaisers für den Knabenunterricht bemächtigt.*^ 



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— 21 - 

Absicht und Hoffnung Karls des Grossen sind durch Jahr- 
hunderte unerfüllt geblieben. Aber einmal von dem ersten Ge- 
bieter der romanischen und germanischen Nationen mit erhabe- 
nem Sinne und begeistertem Geratithe ergriffen, hat die Forde-, 
rung der ünterrichtsverbindlichkeit des Staates in der üeber- 
zeugung der Menschen nicht wieder erlöschen können. 

Wenn irgendwo, so darf man sich in Zürich der Absicht 
des Kaisers mit Genugthuung erinnern. Es ist seinmi Wunsche 
und fast seinen Worten entsprechend, wenn der hiesigen 
Volksschule von dem Gesetze^' die Bestimmung zugewiesen 
wird, »die Kinder aller Volksklassen nach übereinstimmenden 
Grundsätzen zu geistig thäligcn, bürgerlich brauchbaren und 
sittlich religiösen Menschen zu bilden.« 

Die Tradition, welche ihn, den Förderer eines durch so 
viele Jahrhunderte stetig entwickelten höheren geistigen Lebens 
in Zürich in eine besondere Verbindung mit unserer Hochschule 
gebracht hat, wird an dieser immer gern bewahrt, aber auch 
unvergessen bleiben, dass die Universität diesseit der sagen- 
umhüllten Gestalt des idealen Stifters^^ einer begeisterten Bewe- 
gung der Burger dieses Freistaates ihre reale Gründung dankt. 



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ANMERKUNGEN. 



^ ,., de Italia fugiem . . . tn oppido Älemanniae Turego offieium doetarit 
asiumens (^OUo Fruing., ge$la FHderici 1 imper» L IL e. 20). — Proeedü 
6oliai (Äbailardus) nobili illo suo bellieo apparalu ^eircummunilui ante- 
eedente , . . armigero Ämaldo de Brixia (S. Bemardus ad papam Inno- 
eentium 11. Opera ed. Mabillon J, 182), — Nunc apud vom, iieut accepimus. . . 
devorat plebem vesJrlttn (Ämaldus) . . . ; videbüU hominem aperle imurgere 
in clerum , . . et in omnem paseim eeclesiaetieum ordinem desaevire, (Idem 
ad episcopum Comtanciensem l. l. I 188.) Schon Bullinger bemerkt 
den itn Texte berührten Zusammenhang: Reformationsgeschichte 
(herausgegeben v. Hottinger und Yögeli 1838) I, 114. 

2 ...ist die meynung, das verordnet werdint wolgeleert kunst- 
rych sittig menner, die alle tag ofienth'ch in der heyligen geschriflt, 
ein stund in hebreischer, ein stund in griechischer und ein stund 
in latinischer spraachen , die zu rächtem verstand der göttlichen 
geschriflt gantz nodtwendig sind, läsind und leerind one der un- 
seren uss der statt und ab dem land, so in iren letzgen gand, be- 
Ihonung und entgalltnuss . . . Darzu soll ein Schulmeister rychlicher 
beihonet werden, dann bisshar, damit er die jungen knaben möge 
flyssiklicher anfUrren und leyden, bis sy zu den vorgemelten letz- 
gen ze begryffen gemäss werdint. (Uebernahmsurkunde der Propstey 
zum GrossmUnster durch den Staat 29. Sept 1523 bei Bullinger a. 
a 0. I, 115). — Qraeeos aulhoret.,. (nullibi enim literarum libentiue 
vertor) adsignabo. (Zwingli an einen jüngeren Amtsbruder in dem- 
selben Jahre, 30. Juli 1523. Opera VI, 306). 



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- 23 — 

3 Aas solchen freien Vereinigungen entstanden: 

die Stadtbibliothek am 7. Februar 1629 (H. UlHch, biöliotheea 
Thurieensium . . . «tue iapienliae armamentarium p. C 3 und desselben 
biblMhica nova Tigurinorum p. 106 sqq. Beides 4. 1629 ; wegen des 
Tages vgl. Dr. th. Vögelin: Neujahrsblatt der Stadtbibliothek 
1844 S. 40); 

die Anfänge unserer medicinischen Fakultät in dem medicinisch* 
chirurgischen Institute (vgl. Neujahrsblatt der Ghorherrenstube 1836 
S. 5:) »sieben Aerzte und Wundärzte verbanden sich zuerst (1782), 
die Anfangsgründe alier Theile der Medicin und Chirurgie zu lehren, 
ohne alle Unterstützung des Staates . . . Erst im Jahre 1804 gewährte 
die Regierung... die hoheitliche Sanktion... und einen jährlichen 
Zuschuss« (Näheres bei Meyer-Ahrens , Gesch. des medicinischen 
Unterrichts in Zürich in der Denkschrift der medicinisch-chirurgi- 
sehen Gesellschaft 1860, S. 22, 33 ff.}; 

die naturforschende Gesellschaft am 18. Oktober 1746 (vergl. 
[Golfr. von Escher] wichtigste Momente aus der Gesch. der nat 
Ges. 1846, S. 7); 

die antiquarische Gesellschaft am 1. Juni 1832 (vergl. [Ferd. 
Keller] in deren Hittheilungen Bd. I S. II ff.) u A. m. 

^ »— welche (Hochschule) . . . eigentlich keine neue SchCfpfung 
ist, sondern nur die drei bereits bestehenden Specialschulen (Gym- 
nasium Carolinum, politisches und medicinisches Institut) zeitgemäss 
erweitern und durch die philosophische Fakultät zu einem zweck- 
mässig geordneten Ganzen gestalten soll. Selbst diese philosophische 
Fakultät besteht schon jetzt und zwara u. s. w. Bericht des Er- 
ziehungsrathes zu dem Entwürfe eines Gesetzes über die Organi- 
sation des gesammten Unterrichtswesens im Kanton Zürich S. 71, 
(am 20. September 1832 von dem Regierungsrathe gutgeheissen nach 
dessen hsfs. Protokoll, S. 283); über die Mängel der bisherigen 
Fachschulen ebendas. S. 33—36 eine sachkundige Kritik (von J. K. ' 
von Orelli). -* Die Eröffnungsrede des Bürgermeisters M. llirzel 
(29 April 1833) S, 2 hebt hervor, wie »die Spezialschulen bei ihrer 
abgesonderten Stellung, bei ihren kärglichen Hilfsmitteln den ge- 
steigerten Anforderungen unserer Zeit nicht mehr ^tsprechen 
konnten.« 

^ Von dem Bewusstsein der Kulturübertragung. Rectoratsrede 
von 1864 (Zürich, Schabelitzscher Verlag) S. 5 ff. 



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- 24 — 

^ Vgl. Anm 2. Erst einige Monate nach Zwingli's Tode, aber 
gemäss der im Wesentlichem von ihm bereits faktisch eingeführten 
Ordnung, geregelt am 17. Februar 1532 und definitiv am 16. Dec. 
1546 (Bullinger a. a. 0. I, 113 und 124): »So hat man sich auch 
der personen vereiniget, das da . . . syend item zwen lectores oder 
professores der biblischen geschrifft und linguae hebreae, ein pro- 
fessor linguae grecae, ein professor linguae latinae, ein medicus 
lind physicus, der^n jeder zu siner besoldung ynimpt ein chor- 
herrenpfrUnd«. Mit zunehmender Pfriindenerledigung erfolgten all- 
mählich weitere Einrichtungen, besonders die Stiftung von 30 — 40 
Stipendien für ßtudierende am 4 Mai 1555 

Die ganze Neuerung, wahrhaft die Gründung einer theologisch- 
philosophischen Fakultät, ist Zwingli's Verdienst und erfolgte un- 
mittelbar nach seiner Ernennung zum Schulherrn (Scholarchen) am 
14. April 1525 »durch Propst und^Capittel«, wie Bullinger (von der 
reformation der Propsty oder Kylchen zu dem grossen Münster zu 
Zuryeh, als Anhang zum zweiten Bande des Werkes von den Ti- 
gurinern und der statt Zürych sachen, 1574 geschrieben, Hsft. der 
Stadtbibliothek) Bi. 349 6 meldet. Gleich seine Ernennung geschah 
nach Bullinger »mit dem empfälch, das er um geleerte lüth Sachen 
und die sulIen^ dem capittel fUrstellen , domitt nun meer nach der 
verkomnuss gehandlet wurdea. Diese Nachricht ist zwar von Job. 
H Hottinger {schola Tigurinorum Carolina. Tiguri i66A p. 38 sq.) dahin 
ins Ungemessene amplifiziert worden, das Kapitel habe Zwingli 
aufgbtr£^en, ul viros magnos undiquaque conquireret, conquUilos blande 
invilarel munificisque slipendUs alliceret: mox famU Zwinglii ejusque »tu- 
diorum amore, lileras exulanles ubique in Helveiia praeserlim Tigurum 
Iransferendi zelo, effeclum esiy ut doctissimi quique ad novae seholae con-- 
fluerent encoenia; aber auch auf die ursprüngliche Fassung zurück- 
gebracht, gibt sie Bedenken Raum; aus Bullinger selbst ersieht 
man einerseits, dass zunächst nur Wiesendanger (Ceporinus) neu 
nach Zürich berufen wurde (noch im April 1525) für alttestament- 
liche Exegese; anderseits erfährt man (da Ceporinus noch am 
Ende desselben Jahres starb) aus der Autobiographie seines Nach- 
folgers Pellicanus (Auszüge von S. Vö'gelin im Zürcher Taschen- 
buch für J858 S, 187), dass Zwingiis nun verlorenes erstes Be- 
rufungsschreiben an ihn nicht im Namen des Kapitels, sondern »im 
Namen des Rathes und der Verordneten« abgefasst war; aus dem 



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— 26 — 

zweiten, PelHcan wie Zwingli gleich ehrenden Vocationsbriefe dd. 
12 Januar 1526 (opera VlI, 462) erhellt nur, was sich ohnehin er- 
warten Hess, dass Zwingli damals in Berufungsangelegenheiten bei 
Regierung und CoIIegen das entscheidende Wort besass, wie auch 
Pellicanus ihm einmal kurz von dem mysterium inslUuli iui de me 
suboniando (opp. YII, 454) spricht, und au.ch das Vocationsflehen 
eines Anderen Zmnglio Tigurinae eceUsiae archiepiscopo (opp. VIT, 418 
sq. cf. 449 sg ) in unschöner Weise illustriert. Bullinger hat wol 
Zustände in der Erinnerung , wie sie erst einige Jahre später ein- 
traten ; eine genauere Prüfung lässt, wie man sieht, Zwingli's Ein- 
fluss auf die neue Organisation doch nur anders geartet, aber eher 
noch stärker erscheinen, als Bullinger angibt. 

Die Einrichtung der Vorlesungen, welche am 19. Juni 1525 im 
Chore der Grossmünsterkirche begannen, war anfänglich von überaus 
edlem und freiem Charakter, Nach einem innigen Gebete Zwingiis 
las ein Student eine zu behandelnde Bibelstelle lateinisch, Cepori- 
nus in hebräischer, Zwingli selbst in griechischer Sprache, Die 
beiden letzteren fügten lateinisch ihre sachlichen und linguistischen 
Erklärungen bei (den rächten verstand und bruch des gägenwär- 
tigen ortes); ein Prediger wiederholte deutsch das in beiden 
Sprachen Gelehrte und schloss mit einem Gebete; Pfarrer, Predi- 
ger, Chorherren und Caplane waren zur Anwesenheit bei diesen 
am Morgen stattfindenden Vorlesungen verpflichtet (Bullinger, Re- 
formationsgeschichte 1 , 190). Für die Studierenden allein waren 
daneben noch von Anfang an Collegien über Profanautoren in la- 
teinischer und gnechischer Sprache (ein hUloricui oder poeta) von 
12—1 und von 4—5 Uhr festgesetzt (Bullinger, von der Reformation 
der Propsty a. a. Bl. 349b). 

lieber das Lokal vgl. (S. Vögelin) Gesch. des ehemal. Chor- 
herrengebäudes (Neujahrsbl. der Stadtbibliothek 1853 und 1854) 
II, 4 fi. 

' Bei Zwingli's Lebzeiten .finde ich übrigens den Namen nicht 
gebraucht, weiss auch nicht zu sagen, von wem er zuerst ange- 
wendet wird ; über die Anlange des Coli. Carolinum vgl. sonst 
J. J. Wirz, historische Darstellung der urkundlichen Verordnungen 
(Zürich 1793) 1 , 214 ff. 

8 Näheres bei Wirz a a. 0. S. 344 fl. 

^ Hottinger, schola TiguHnamm Carolina p. 2 sqq. 



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— 26 — 

^0 lieber die sonderbare Stellung des Rectors am Garolinum 
vgl. Wirz a. a. 0. S. 350 fi. 

" Vgl. (G. von Wyss) Kaiser KarPs des Grossen Bild am Münster 
Zürich , Neujahrsblatt der Stadtbibliothek 1861 , S. 6 und den ge- 
nauen Abdruck S. 12, 13; Interpolationen originellerer Aufzeich- 
nungen, die in dem fraglichen, wesentlich als Abschrift zu be- 
trachtenden, noch im neunten Jahrhundert begonnenen Rotulus 
(aufbewahrt in dem Züricher Staatsarchive) stattgefunden haben 
ktfnnen, dürfen doch nur für das Güterverzeichniss , den Anfang 
eines Urbars, angenommen werden, dessen Anlegung in Folge der 
Gründung der benachbarten Frauenabtei 853 zur Wahrung des 
Besitzesrechtes um so mehr geboten sein mochte , als auf diese 
zunächst die volle Gunst des Königshauses fiel. 

12 •— ad inerementum eongregationii €an(on)icorum, ut ibidem regulari 
diiciplina vivenles die noeiuque indeficiendo sepciet in die domino laudes im- 
plendo iubtisterent; erste Aufzeichnung, a. a. 0. S. 12. Haee mnt 
nomina presbiterorum , gut ... $ub uila canonicorum . . . ibidem populii 
eatholieae fidei et ehristianitalis omni tempore minislerium querere et habere 
atque domino et sanclis martyribus Felici et germane ejus Regule ierviendo 
permtmerent; zweite Aufzeichnung a. a. 0. S. 13. Bullinger, von 
den Tigurinern, Buch IV, Kap. VIII, bringt Abschrift einer zu seiner 
Zeit noch erhaltenen , formlosen Urkunde Karls des Grossen dd. 
Turego anno imperii nostri 10, indict. 13^ wozu schon Bullingep bemerkt 
fand: videtur irrepsiese mendum et scriptum indictione 3 pro 13, Das 
Verhältniss dieses Falsums zum Rotulus bliebe noch zu untersuchen; 
der Bischof Theodorus {epieeopus noster piae memoriae)^ der die Kirch- 
weihe vorgenommen, wird hier durchaus verstorben gedacht. 

^3 Heinricus . . . praedecessor noster rationabiliter adtendens , quod . . . 
Karolus magnus . . . ecclesiam Thuricensis prepositure . . . eleganter fundavit^ 
doi(ivit, ipsam divitiis et honoribus deeenler ampliando . . . statuii. Urkunde 
Bischofs Eberhard von Konstanz, 22. Februar 1272, abgedruckt bei 
G. V. Wyss, a. a. 0. S. 15, aus einer Scheuchzerschen Abschrift 
der Stadtbibliothek n. 625; das Original scheint verloren. Mit der 
Beziehung auf den Vorgänger darf man sich nicht täuschen lassen, 
vgl. unten Anm. 22 und Anm. 27. 

14 Thesaurus prepositurt ab anno 1333, Staatsarchiv Nr. 263 Pr. 
(abgedruckt bei üottinger hi^toriae ecclesiastieae novi testamenti t, Till, 
p. 175 sqq.), ein langer, schmaler, enggeschriebener Pergament- 



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— 27 — 

streif, ein Schatzinventar enthaltend, ausgestellt nach der am 25 
Febr. 1333 erfolgten Wahl des neuen Schatzmeisters Rudolf Brun. 
Zeile 13: liem unum plenarium sine lapidibtu. Item duo libri omeliarufn 
Saneti Karoli (von anderer Hand hinzugefügt : qui sunt in libraHa). 
Zeile 16: Item unus liber dielus Ludermarkt, Item psalterium beati 
Karoli, Zeile 17: Item libellus orationum beati Karoli scrip^ 
tue cum literis aureis. Item liber missalis dictus Winterteil (von an- 
derer Hand: habet nunc praebendarius altaris saneti Blasii). Zeile 48: 
Item alba quondam dicli Trembelins de serico cum pectorali saneti 
Karoli, 

^^ »CarolidessEeisers bettbuch in gold gefasset«. Bullinger, von 
der Reformation der Probsty zu Zürich, Blatt 320«, vgl. oben Anm. 6 
und ähnlich bei Hottinger, hist, eccl. VIII, 184, Bullinger, Refor- 
mationsgeschichte I, 122 hat nur einen Auszug. 

« Vgl. Anm. 73. 

^7 Es hatidelt sich um zv^ei Handschriften der Eantonalbiblio* 
thek, nämlich: 

a) Cod. membr. in 4® n. 176; das von Blatt 113« bis 136 1> 
gehende, im Beginne des zehnten Jahrhunderts angelegte Martyro- 
log mit beigeschriebenen nekrologischen Einzelchnungen , die bis 
in das folgende elfte Jahrhundert fortgesetzt wurden, ist eben von 
Hrn. Dr. Emil Grünauer zu einer erschöpfenden Edition vorbereitet, 
daher ich mich an diesem Orte einer näheren Beschreibung ent- 
halte. Noch von der ersten Hand findet sich eine auf die Zürcher 
Kirche bezügliche Notiz (BI. 119^), zum 10 und 11 Sept., Vigilie und 
Festtag der Lokalheiligen Felix und Regula, von jüngerer Hand nach- 
getragen, zum 28. Januar aber nur Erinnerung an S. Agnes-Octav. 

b) Cod. membr. in 4^ n. 172; dieser besteht aus zwei ur- 
sprünglich ganz verschiedenen Abtheilungen 

a) Die zweite Hälfte des Bandes enthält (fol. 38 — 39) auf 
älterem feinerem Pergamente astronomisch-mathematische Abhand- 
lungen mit zahlreichen arabischen Kunstausdrücken (fol. 42: Placuit 
autem mihi inprimis pauea de eius utilitatis effectibus perstringere, ut prudens 
animus quid exhac petat seiat et arabici fontis unde dei amminiculatione 
dirivata est stabilem obseruem seriem non quasi novum aliquid dieendo sed 
quasi negleclum aut oblitum commonendo : qui hee legit inventa priscorum 
relegit). Die Schrift aus dem Ende des zwölften oder Anfange des 
dreizehnten Jahrhunderts gibt, der Arbeit vielleicht Bedeutung für 



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die Geschichte der Mathematik. Inc.: Ad iniimoi summe phylosophie 
dUeipHnai, Expl. : ut lucidius inlellegai occulis appone. mei smper me- 
mento. Eben diese zweite Hälfte trägt ausdrücklich (Fol. 38 reeto 
und verso) zweimal das Eigenthumszeicben des Grossmbnsterstiftes 
mit Schrift des 16. und des 15. Jahrhunderts: Geomelrieus liber per- 
linens ad capUulum und ad cap(Uulum) l(uricen8e). 

ß) Die erste stark beschnittene Hälfte des Bandes (fol. 1—38) 
enthält auf jüngerem gröberem Pergamente chronologisch-astrono- 
mische Abhandlungen aus dem 13 und 14. Jahrhundert [Ine, De 
embolismo Defeetw lune. Comequenter videndum est dequarUo anno lunari 
cei) vor und hinter einem Festkalender, der mit einer tabula DyonUii 
auf dem letzten Blatte eine eigene Lage (Bl. 15—21 incl.) bildet 
und im 12. Jahrhundert angelegt ist; selbst S. Bernhard (20. Aug.), 
der bereits am 18. Januar 1174 {Ja/p reg n 8287 sqq) kanonisiert 
wurde , fehlte ursprünglich , ist irrig zuerst zum 27. August, dann 
erst am rechten Orte von jüngster Hand sec. XV. nachgetragen, 
aber von Anfang an waren die Züricher Lokalheiligen zum 11. Sept. 
{Felicü et Regulae) verzeichnet Zum 28. Januar hat die erste Hand 
nur sedes clavis quadragesime (roth) und octaua Agnetis geschrieben. 
Noch bemerke ich, dass sich aus einer mit 1238 beginnenden, mit 
1568 endenden chronologischen Zusammenstellung auf Blatt 21^ 
auf eine zwischen 1260 und 1288 geschehene Eintragung der er- 
wähnten dionysischen Tafel mit Sicherheit schliessen lässt. Wie weit 
sie mit dem von Neugart dem Gantor Konrad von Mure zugeschrie- 
benen calendarium de sanctü, in dessen Zeit sie sicher gehört, iden- 
tisch ist, bliebe noch zu untersuchen (vgl. G. Morel im neuen 
schweizerischen Museum. Basel 1865, V, 1, S. 57). 

^8 — assensu et auctoritate domini Paschalis — corpus ejus {Caroli) 
sanctissimum . . . elevavimus IV, Kai. Jan Urkunde Kaiser Friderichs L 
vom 6 Jan. 1166 (bei Bolland Acta Sanctorum m. Jan. IL 888b). Von 
dem Gegenpapste Paschalis HL scheint eine ausdrückliche Aeusse- 
rung doch nicht erhalten. 

>9 Verum quod non reperiantur legilimi pontifices illud diploma abo* 
levisse aut impugnasse aut prohibuisse res sie tacita permissione siue tole- 
rantia perseverat, ut scilicet in propria ecclesia, ubi sepultus fuity in Galliis 
coleretur; ita quidem canonum praecipui interpretes declararunt, — Ceterum 
propagatus postea noscitur ejus cultus in alias ecclesias Belgii alque Qer- 



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— 29 -- 

maniae, in quibus idem Carolus ianelUatis lüulo celebralur, Bartmii ann. 
eceki. a. 814 § LXXXVUL 

20 — »wegen den Unbequemlichkeiten, die ihnen der Zufluss 
der Pilger aus den verschiedenen Theilen der Welt veranlasst«, 
wie Böhmer (Regesten des Kaiserreiches von 1198—1254, S. 242, 
Nummer 269) aus dem Düsseldorfer Originaldiploroe König Hein- 
richs des Jüngern (VII.) übersetzt. 

31 In dem oben (Anm. 14) erwähnten Schatzinventare des 
Stiftes von 1333 (Staatsarchiv Nr. 263 Pr.), bei dessen Aufnahme 
von den kostbareren älteren Reliquien wol noch keine verloren 
war, findet si6h Zeile 23: lUm cryslallus cum pollice SaneHKaroli cum 
lapidibus; Krystail und Steine miissen wol in den Nöthen der fol- 
genden Zeiten veräussert worden sein ; bei der Uebergabe . des 
Stiftsschatzes am 14. September 1525 (BuUinger, Reformations- 
geschichte I, 122) war die Reliquie nur in Siber gefasst: ]>15. St. 
Garlins heiligthum in silber eingefasset, 16. St. Gallen Heiligthum 
in Silber gefasset,« (Hottinger hist. eccles, VIII, 184) oder, wie 
Bullinger a. a sagt: »zwei silberne stuck, daryn gefasset Caroli 
und Galli heylthumm;« in der »Reformation der Propsty« a. a. 0. 
(vgl. Anm. 15) fehlen die Nummern und das Gallusheiligthum; 
ttottinger hatte wol eine offizielle Aufzeichnung vor sich. 
22 Excurs. über eine Karl-Legende. 

Es ist das Verdienst P. Gall MoreFs, in seiner Abhandlung 
»Gonrad v. Hure, Gantor der Propstei Zürich und dessen Schriften« 
(Neues schweizerisches Museum V, 1, Basel 1865) die betrefiende 
Stelle (S. 52) zuerst bekannt gemacht zu haben. Die entscheiden- 
den Worte lauten: Nota quod venerabiles in ChriMo praeposilus et ca- 
pitulum Äquensis ecclesiae Rudolfo praeposito dicto de Hottingen et capUulo 
Thuricensis praepositurae Constantiensis dioecesis per certos nuntios et lit-' 
ieras supplicanlibus quaedam de reliquiis bealissimi imperaloris cum legenda 
et hiitoria cantuali musicata et modum o/pciendi de ipso sub lillera et 
sigillo auclentico (ransmiserunt. Et hujusmodi reliquiarum sollemnys 
praesenlacio et receptio facta est anno dei (sie !) MCC tricesimo tertio festo 
Cosmae et Damiani et ab illa die usque ad praesens festum Karoli cele- 
bramus ad gloriam et honorem regis omnium regum qui trinus in personis 
unus in substancia uiuit et regnat per omnia seculorum. Amen Von dem 
Fundorte ganz abgesehen sind ^ die hier gegebenen Nachrichten 
wegen folgender Momente glaubwürdig und unverfänghch : 



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— 30 — 

a) der Propst Rudolf von Hottiogen erscheint zuerst 1207,<zulet8t 
eben 1233 erwähnt, sein Nachfolger Wernher von Kepfnach zuerst 
1240 (S. Vögelin in denMitth. der antiquar. Gesetlsch. IIb 122); 

6) von dem Reliquienstücke habe ich bereits oben Anm. 21 ge- 
sprochen ; 

e) ftlr die Worte hisloria cantuali muiicata et modum offkiendi gibt 
das Schatzinventar von 1333 (vgl. Anm. 14) den Beleg, wo es Zeile 
4 v. u. heisst : Ilem hystaria beati Karoli musice icripta et nemata ; Brief 
und Siegel der Achener Propstei sind freilich verloren. 

Die ganze Aufzeichnung, deren sachliche Richtigkeit hiemit 
belegt ist, zerfällt nun aber in zwei Theile : einen ursprünglicheren 
von ofiicieller Haltung, wie die förmliche Bezeichnung des Achener 
Stiftes mit venerabiles in Christo, die rechtliche Häufung der Aus- 
drücke bei der Uebergabe : hujusmodi reliquiarum sollenmyi prae^eft« 
tacio et reeeptio genügend darthun, und einen jüngeren Zusatz et ab 
iUa die — amen, dessen lebhafte Haltung auf einen Angehörigen des 
Stiftes schliessen lässt. Bleibt man bei den vorliegenden Nach- 
richten stehen — und keine spätere Erwägung lässt solche Be- 
schränkung bedenklich erscheinen — so ist das einfachste, anzu- 
nehmen, dass eben zu dem von Achen übersendeten Exemplare 
der Geschichte Karl's unmittelbar nach der Jimpfangnahme die 
ältere Notiz eingetragen wurde ; die Weglassung des Namens Caroli 
hinter beatissimi imper€Uorii lässt mindestens auf eine ohnehin von 
demselben handelnde Schrift schliessen und schwerlich gab es 
eme passendere für diesen Zweck als die neulich übersendete. 

Denn keineswegs ist mit legenda et hittaria eanlualis muiieata 
eine und dieselbe Schrift gemeint. (Morel a. a. 0. S. 52 und 57). 
Wie man aus du Gange (j. v. histaria ed. Hendsckel III, 672 b) ersieht, 
ist unter hisloria vielmehr ein Theil der dem bestimmten Tagesheiligen 
gewidmeten Feier {historia pro ipso fetti officio) zu verstehen*); hier 
ist also ohne Zweifel das Officium mit der Sequenz Urbs Aqueneis, 
urbs regalis eet. gemeint {Einhardi vita Karoli ed. G, H, PerU in usum 



* Einer brieflieben Mittheilung des Hrn. Bibliothekar Morel entnehme ich, dass 
sich in der Einsiedler Papierhaodscbrift in Folio n. 81 auch ein Officium für den 
Karlstag befindet, welches geradezu heisst: hyitoria dt tancto Karolo Magno impe- 
raiort, viel grösser ist als das bei Canisius abgedruckte und folgendes Zttrich betref- 
fende Responsorium enthalt: Letare pio festo ThuregenHs ecclcsia! ExcUta tarn tancH 
principU habere tuffragia qui sua regali munißcenHa te ditavU et beavit in gloria, cujut labore 
impenta et opere meruisti gloriota consistere. 



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— 31 — 

seholarum^ ed. II, p. 43)^ deren drei erste Verse man in Zürich, das 
sich doch urbs regalis regni sedes principalis , prima regum curia nicht 
nennen konnte , mit eben so vielen Sylben in Urbi Thuregum urös 
famosa quam deeorani gloriosa sanetorum suffragia (6. v. Wyss a. a. 
0. S. 14 aus Canisius lectiones arUiquae ed. 1725 II, W5sqq,) abänderte. 

Unter der Legende {cf. Du Cange «. v. ed. Henschel IVy 63) da- 
gegen ist eine in Achen entstandene Zusammenstellung prosaischer 
Nachrichten über Karl verstanden, die zunächst allerdings eben- 
falls für kirchlrchen Gebrauch, nämlich zur Vorlesung am'Earlstage, 
bestimmt war, der Wundergeschichten nicht entbehren konnte, 
daneben aber doch meist und vollends hei einem solchen Heiligen 
auch historische Momente bot und zu Hinzufügungen einlud. Dass 
anderseits die Achener Kirche Interesse an der Verbreitung des 
Ansehens ihres noch immer nicht förmh'ch sanctionierten Heih'gen 
hatte, versteht sich von selbst 

Man wird nunmehr sagen dürfen, dass am Schlüsse der aus 
Achen übersendeten Legende die uns angehende offizielle chronolo- 
gische Notiz vielleicht durch den Propst selbst, vor dessen Namen 
sonst das Wort Dominus nicht fehlen würde, eingetragen und der 
Zusatz et ab illa die — Amen später hinzugefügt wurde. 

Ich habe bis hieher absichtlich die Art der Ueberlieferung 
ausser Acht gelassen, aufweiche diese Nachrichten zu uns gelangt 
sind und nicht ohne Verwunderung bin ich der verwickelten Form 
derselben gefolgt, die mich eine Zeit lang gleichsam neckte. Der 
zuvorkommenden und unermüdlichen Gefälligkeit des Herrn P. 
Bibliothekar G. Morel zu Einsiedeln habe ich es zu danken , dass 
mir die betreffende Handschrift, auf welche der genannte Gelehrte 
zuerst a. a. 0. aufmerksam machte, für eine längere Benutzung 
zugesendet wurde. 

Es handelt sich hier um die Kleinfolio-Hsft. Nr 245 der Ein- 
siedler Stiftsbibliothek , welche auf grobem Papier mit groben Mi- 
nuskelzügen von Einer Hand geschrieben ist, und zwar im Jahre 
1493, wie auf dem innern Deckelblatte und fol. 47 6, nach neuer 
Bezeichnung, zu lesen ist (finis est huius libri anno etc, LXXXXIII), 
Aus weiteren Bezeichnungen an ersterer Stelle entnimmt man, dass 
die Handschrift früher dem Kloster Kempten gehörte, von da nach 
einem St Gerold in Vorarlberg und endlich nach Einsiedeln kam ; 
sie zählt dermalen nur 63 Blätter; der Schluss, und, wie man aus 



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-• 32 - 

der alten Paginierung sieht, die ersten 17 Biälter sind verloren ; ich 
bediene mich der neuen Paginierung, welche auf dem ehemaligen 
18. Blatte mit 1 beginnt. Die Handschrift zerföllt auf den ersten 
Blick in einen prosaischen und einen poetischen Theil ; der letztere, 
fol. 48 A bis 63^, enthält den tracialm de monasterio Campidonensi; 
schon Morel bemerkt, dass es der bereits gedruckte des Johannes 
Birk sei ; der Traktat hat fUr uns nur so weit Interesse , als er 
unbedingte Liebe und Verehrung Kemptens in Versen ausspricht; 
die Geschichte des Stiftes bricht fol. 63b mit dem betrübenden 
Ereignisse der Unterwerfung unter das Bisthum Constanz im Jahre 
1382 ab; noch auf dem Blatte vorher hat die Bestätigungsbulle Papst 
Martins IV. für das Stift — so viel ich sehe , der Kernpunkt aller 
Kemptener Ansprüche und Fälschungen — gebührende Lobpreisung 
erfahren. 

Aber mit keinem Worte wird angedeutet, dass der in der 
Handschrift nicht genannte Verfasser der Verse ein anderer als der 
der vorangegangenen Erzählung sei. In der That -liegt nun auch 
nicht der geringste Grund vor, Johannes Birk die Autorschaft; auch 
des prosaischen Theiles zu bestreiten und es lassen sich positive 
Momente für diese Angabe anführen. 

Ueber Birk's Leben entnehme ich nämlich SchallenmUllers 
Geschichte der Stadt und der gefürsteten Grafschaft Kempten 
(Kempten 1840) S. 587, dass derselbe aus Biberach gebürtig, 
Magister der freien Künste und kaiserlicher Notar, seit 1465 Rector 
der Stiftschule war und den Tractatus 1494. beendete. Der Ver- 
fasser des Prosatheiles unserer Handschrift sagt nun von sich, fol. 
22 « : sicul in geslis ipsius {Karoli) apud ParUiacum pagum iriumphamus 
nos legisse; dass das betreffende Gitat der 23 von dem Kaiser ge- 
gründeten Klöster irrig — ein Irrthum, den aber auch schon 
eine ältere Karl-Legende gehabt haben muss, wie sich eine solche 
in einem verlorenen Züricher Exemplare des Otto von Freising fand 
nach dem Statutenbuch der Grossmünsterpropstei Tit 37, vgl. Anm. 
26 und 33 — und aus dem anonymen Leben Ludwigs des Frommen 
Kap. 19 mit Weglassung von Masciacum entnommen ist , thut doch 
der Consta tierung von Studien des Verfassers in Paris keinen Ein- 
trag, die zu Birk's bedeutendem Ansehen stimmen. Seine Arbeit 
ist zunächst zum Vortrage für Zuhörer bestimmt (fol. 14«): De post 
%}olo V08 (l) esse notandum quod hie loquor solum de Ula Hilligarda, 



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— 33 — 

que uxor vera Karolimagni erat. Er schreibt für Bewohner des 
Stiftes fol. 15«: über die Grilnderinnen von Buchau und Kempten 
hec compendiose su/ßdunl; nam croniea de his in foribus eti. Im Uebrigen 
beabsichtigt der Verfasser noch eine ähnliche ausführlichere Arbeit : 

(fol. 16b) kec ad praesens sufpcial compUasse; nam vila eomite 

poslmodum de ipso plura eompilare studebo. In der That findet sich 
(vgl. Schallenmüller a. a. 0. S. VII und 587) in einer Münchener 
Handschrift {cod. bav. num, 811) unter dem Namen Gotfrieds von 
Marseille, Erzkanzlers Kaiser Ludwigs des Frommen eine r>hisloria 
Caroli magni et de fundatiane monaslerii in Campidona — rescripla in 
oppido Kempten anno lA9A<i, also in dem Jahre, in dem der Tractatus 
abgeschlossen wurde und dem folgenden nach Abfassung unserer 
Handschrift. Auf die Identität Birks mit jenem Gotfried hat Schallen- 
mUller bereits aufmerksam gemacht. (Damit sich aber Andere nicht 
gleich mir durch dessen Handschriftenstudium verführen lassen, will 
ich bemerken, was ich gütiger Mittheilung verdanke, dass cod, bav. 
num. 803 der Münchener Hofbibliothek in gewöhnlichem Octavformat 
»von einer ganz modernen Kanzleihand« zwar dieselbe historia Goi- 
firidi de Uarsilia enthält, wie der Miscellancodex n. 811, aber doch 
nicht aus dem letzteren abgeschrieben scheint.) 

Wenn es sonach auch unthunlich ist, an einen anderen Gesammt- 
verfasser der uns vorliegenden Compilation zu denken, als Birk 
(etwa mit Morel an einen Züricher Gelehrten des dreizehnten Jhdts.)» 
so ist die Arbeit selbst einer näheren Betrachtung nicht unwürdig. 

Ich meine hierbei nicht den späteren Theil^ in der Hauptsache 
Auszüge aus lauter jüngeren Traditionen, fol. 8^ bis 47b (incl.), 
beginnend mit den Worten : Quoniam de naliuitate uel eciam puericia 
Karoli viri incomparabiliter orlhodoxi nee in scriplis usquam aliquid de- 
claralur neque veridica relacione aliquid certum habebatur, ideo hijs prae- 
termissis de Karolo hie quedam notabilia subjungemus. Omnipotens igilur 
temporum rerum regnorum crealor cet, aus den Thaten Karls von dem 
St. Galler Mönch {mon. Germ. S S. II, 731 sqq.). Die Auszüge aus 
demselben sind, wol nicht ohne Willkür, anders geordnet, als in 
den freilich auch nicht authentischen Handschriften, denen Pertz 
gefolgt ist und reichen bis fol. 16b, nur dass fol. 13b bis 15b die 
fabelhaften Gründungsgeschichten von Kempten und Buchau durch 
Gemahlin und Schwägerin Karls des Grossen eingeschoben sind — 
hmpore autem illo nulla erat civitas quasi in Iota Swevia praeter Augustam; 

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- 34 - 

sed solum ville erant cum certis easlris hine et inde; der Verfasser be- 
ginnt diesen Excurs emphathisch : scribunt croniste fanlurque pro uero 
poelisle de Hiltigarda alma dicenles: o felix locus tempusque felicius quo 
felicüsima est procreata Hiltigarda; am Ende aber mündet er in seine 
gewöhnlichen Excerpte ein und das ist hier eben der St. Galler 
Mönch II, 10 {Mon Germ, SS //, 753), 

Nicht minder alteriert erscheint der Rest dieses späteren Theiles 
von fol. 16^ bis 47^ , den der Verfasser de sanclitate meritorum et gloria 
miractf/ortim nennt : wie Morel bereits anmerkte (a.-a. 0. S. 53) äus 
der bei den Bollandisten (Januar. IT, 876) gedruckten Legende und 
Turpin bestehend, mit Einschaltungen und Zusätzen; zu den er- 
steren gehört die oben erwähnte fol. 22. 

Wie gesagt, dieser spätere mit fol. 13b beginnende Theil der 
Birk'schen Gompilation ist fUr uns ohne Interesse ; aber anders 
steht es mit dem frühern Theile, der mit der im Anfange dieses 
Excurses besprochenen Nachricht von der üebertragung der Karls- 
reliquien nach Zürich und der Einrichtung des Karlstages daselbst 
schliesst. Dieser frühere Theil der Kompilation machte, wie auch 
die schon oben angeführten Schlussworte zeigen, für sich ein Ganzes 
aus, dessen Eintheilung , da der Anfang unserer Handschrift fehlt, 
sich nicht mehr sicher übersehen lässt; die erhaltenen Stücke 
scheiden sich in folgender Art : 

a) annalistische, nach Regierungsjahren gezählte Aufzeichnungen 
über Karls Leben fol. 1» bis 6^ (incl.), beginnend mit dem Jahre 
795, im Anschlüsse an atmales Laurissenses (Mon, Germ. 55. /, p. 180 
l, 20) uenit ad locum, qui dicitur Luini, in quo predictus Witzan Äbro- 
tidorum rex cet. Es mangelt nicht an wunderlichen Irrthümern : von 
dem Avarenring heisst es zum folgenden Jahre {l l, p. 182 l. 4): 
Ringum Hunorum principem-expolianl , fUr Ysaac Judeum {p, 190 l. 9) 
schrieb man Ysaac in deum; was ein emporium ist, weiss der 
Autor nicht und schreibt (p, 196 l. 43): Trasto et emporio Rerich 
Aber eine, die ältere in den von Pertz sog. annales Laurissenses ent- 
haltene Aufzeichnung bietende Recension der fränkischen Königs- 
annalen lag unserm Verfasser doch vor; denn es finden sich die 
in der jüngeren Umarbeitung fehlenden beiden Stellen : 

aus, dem Jahre 798 die Zeltübersendung durch den König von 
Galizien (p. 184 1. 3 sqq.]; 

aus dem Jahre 800 die Angabe über Frost im Juli (p. 186 I. 1). 



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-^ 35 ^ 

Die ursprüngliche HaDdschrift, die unserm Verfasser vorlag, 
hatte den nur in der Recension '9 ^ bei Pertz ähnlich vorkommenden 
Zusatz (p. 186 1. 21) : et in visione Wetlini Äugiensis motiachi inier tnar- 
tyres est annumeratus instdae praediclae. Sie hatte aber noch nähere 
Beziehungen zu Relchenau, als eine der sonst erhaltenen; am 
Schlüsse der Nachrichten des Jahres 806 heisst es: Waldoni abbati 
Heito episcopus Basiliensis successity was dortige JahrbUcher (cont. Aug. 
806 ap. Pertz Mon. Germ. SS. I, 49) bestätigen: Hallo Waldoni sttc- 
cessil und ebenso am Schlüsse von 810: Egino episcopus Conslanciensis 
obiil, was sich wörtlich ebendaselbst z. J. 813 6ndet [cf. ann. Wein- 
gart, l. 1. I. 15 Herim. Aug. S S. V, 101) ; derselben Quelle wird die 
irrige Nachricht am Schlüsse von SU zuzuschreiben sein: Obil eliam 
Halo episcopus Basiliensit imperalore Äquis hyemanle; sollte das obil 
aus dem Reisebuche Haitos nach der Rückkehr von Gonstantinopel, 
dem odoporicus (odobHc") entstanden sein, von dem Hermann l. 1. p* 102 
spricht? 

Aber noch viel nähere Beziehungen hat unsere Schrift zu Achen ; 
nicht nur ist jeder Aufenthalt des Kaisers daselbst bei allen sonsti- 
gen Auslassungen notiert, zweimal am Ende des Jahres 803 und 
im Anfange des Jahres 804 ( — redil Aquisgranum ibidem nalale do- 
mini celebrando ac hyemando. Tricesimo seplimo anno imperalor Äquis 
hyemans cei), sondern zu diesem letzteren Jahre {Einhardi annales 
I. 1. p. 192. I. 7) findet sich noch folgender Auszug aus einer zu 
Gunsten des dortigen Marienstiftes gefälschten oder zu fälschenden 
Urkunde : 

deinde Leo papa cum imperalore Äquas veniens capellam sancle Marie 
quam ipse Karolus fundaueral dolaueral dilaueral mullimode exornaueral 
in praesencia archiepiscoporum episcoporum numero Irecenlorum sexaginla 
quinque (d. h. je einer für jeden Tag im Jahre I) excepla innumera 
mulliludine ducum marchionum comilum el baronum sollemniler consecral 
mullis graciis indulgencüs priuilegiis liberladbus ipsius ecclesie honorem 
ampliando, Tandem ipsum papam magnis muneribus honoralum a suis 
per Bavariam dedud facil usque Räuennam. 

Wenn sonach unsere Schrift den fröhlichen Lenz- und Vor- 
sommeraufenthalt des Kaisers in Achen nicht erwähnt, wie in der 
Recension 9^ geschieht, so darf man trotz jener Uebereinstimmung 
in Bezug auf die oben erwähnte Notiz aus der visio Wellini an- 
nehmen, dass dem Verfasser nicht die Recension 9^ vorlag. 



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— 36 — 

Und man wird sagen dürfen, dass eine inReicbenan 
gemachte Abschrift der fränkischen Königsannalen 
in Achen für die Zeit Karls des Grossen erweitert 
worden sei. 

Die Erweiterung hat aber nicht blos im Interesse des dortigen 
Stiftes stattgefunden, sondern auch durch freie Einwebung ver- 
schiedener anderweitiger Nachrichten besonders aus Einhards 
Leben des Kaisers und zwar dessen: 

Kap* 21 bei dem Tode Hadrians zum Jahre 796: Karls Schmerz. 

Kap. 19: König Pipins Nachkommenschaft bei Gelegenheit von 
dessen Tode im Jahre 810. 

Kap. 14, 17, 18, 5, 15, 8, 10, 11 am Schlul^se des Jahres 810: 
eine Uebersicht über die Kriege. 

Kap. 33 am Schlüsse des Jahres 811: die Schatzvertheilung* 

Kap. 30—83 bei dem Jahre 814: Ende, Bestattung und Testa- 
ment mit Wiederholung der Schatzvertheilung; das 6rma- 
rium selbst wird übrigens wOrtlich erst von iuppelleclüem 
iuam im 4. Satze gegeben 

Ausserdem habe ich nur an einer einzigen Stelle bei der er- 
wähnten Uebersicht über die Kriege eine Einschaltung aus dem 
MOnch von Sanct Gallen (II. 13 Mon Germ. SS. II. 757 1. 23 sqq.) 
zur Geschichte des Dänenkönigs Gotfried gefunden. 

Für die Geschichte des Angriffes auf Papst Leo am 25. April 
des Jahres 799, in Bezug auf welchen die annales Laurissenses p. 184 
1. 28 nur sehr kurz sind und auch die Umarbeitung (p. 1851. 135, 
cf. a. 801) keine genügenden Nachrichten gibt, hat unsere Schrift 
folgende, auch dem Leben Leo's in der Sammlung der Papstleben 
nicht entnommene, sachlich freilich nichts Neues bietende Notiz: 

Ädriani papae cognaH et muUi nobiles Rotnani praecipue Paschalis 
numiniculalor [nomendator bei dem sog. Einhard a. 801, primicerius 
in der vita Leonis ap. Vignolli 2M] et Campulus saccellarius Romo 
populum eoneitanles Leonem papam in letanie maioris proeessione eap- 
tum eecant ei linguam excidunl. Sed omnipolens Dens reddil Uli visum 
et loquelam et de ciistodia noctu per murutn evadens, wo wieder den 
ann, Lauris, gefolgt wird. 

An Selbständigem wUsste ich im U^brigen nur eine Ableitung 
am Schlüsse der Kriegsgeschichten von 810 zu nennen : Et nota 
quod Dani dicuntur a quodam nomine Dan qui primus cum sociis suis 



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— 37 — 

lerram iüam occupal el limitat occupata, unde adhuc dicilur Danimarchia 
quod in vulgari Theutanico dicUur Tennemark, 

Man sieht leicht , dass die Acbener Erweiterung der Reiche- 
nauer Annalenabschrift von einer oder mehreren Händen noch 
fernere Zusätze erhalten hat; denn Wiederholungen derart, wie sie 
hier aus Einhard's Lebensbeschreibung, insbesondere bei den Be- 
stinamungen über die Schatzvertheilung vorliegen, sind nicht wol 
Einem Verfasser zuzutrauen, wie ja auch über den Dänenursprung 
zu reden kaum mit der ursprünglichen Intention der Schrift 
übereinstimmend erscheint. 

Hält man nun aber mit dieser Bemerkung, die in dem An- 
fange dieses Excurses erörterten Thatsacben zusammen, so wird 
man annehmen dürfen , dass die Urschrift der von Achen empfan- 
genen Karllegende sammt der dem Schlüsse derselben in Zürich 
beigefügten Nachricht von der Uebertragung und Ankunft der Re- 
liquien wie ein Zusammengehöriges abgeschrieben wurden, und 
der Zusatz über die »bis zur Gegenwart« (lauernde Einrichtung 
des Karlsfestes wird alsdann eben dem Abschreiber zuzuweisen 
sein. Aber wie weit derselbe an den sonstigen Zusätzen in der 
Legende selbst betheiligt sei, wie weit gar erst der letzte Ab- 
schreiber Johannes Birk sich noch mit solchen bemüht hat, scheint 
mir nicht auszumachen. 

Unzweifelhaft dagegen gehört dem Züricher Schreiber die 
Nachricht über die Heiligsprechung des Kaisers und die Erhebung 
seiner Gebeine zu, welche sich am Schlüsse der Legende und vor 
der Nachricht von der Reliquienübertragung nach Zürich findet. 
Sie lautet vollständig (Fol. 8«.): 

Hie est Karoltu imperator vere orthodoxu$, cuiw corpus Ireeentis el 
quinquaginla uno annis oeeuUatum Fridericus Romanorum imperator 
secundus a beato Gregorio papa nono impelral canonixari et canonixatum 
divina cooperante gratia Aquisgrani in tumulo^ in quo tot annis jaeueraty 
levat el ad publicum allare cum mulla sollempnilale reponit in presencia 
mullorum principum el magnalum ubi usque in praesens requiescil vene- 
rabiliter in nwgno gloria el honore, El nola ceL 

In der Zeit der Reliquienübertragung nach Zürich im Jahre 
1233, während Beide, Kaiser Friderich II. und Papst Gregor IX. 
noch lebten, der letztere sogar erst seit dem 19. März 1227 regierte, 
konnte von einem usque in praesens requiescil ohnehin nicht die Rede 



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— 38 — 

sein, ganz abgesehen davon , dass der Kaiser in dieser Zeit niemals 
auf eigentlich deutschen Boden gekommen war. üeberhaupt 
aber muss es in Bezug auf die Erhebung der Gebeine und die 
Heiligsprechung durch den Papst durchaus bei dem sein Bewenden 
haben, was oben (Anmerkung 18 und 19) gesagt ist: An eine neue 
Kanonisation Karls durch Gregor IX. ist natürlich schlechterdings 
nicht zu denken. Und nur. weil der Trrthum sich bis in alier- 
neueste Schriften fortgepflanzt hat, will ich erwähnen, dass Gre- 
gors IX. Erlasse und Brfefe von der Heiligeneigenschaft Karls des 
Grossen nichts wissen Dem Könige Ludwig IX. von Frankreich 
fuhrt er (16. Februar 1236 ap Kaynaldi am. «. a. n, 32. § i) Karl's 
Beispiel als eines Kämpfers für den römischen Stuhl und gegen die 
perseculores ipsius ecclesiae zu Gemüthe, Über die er nach wiederholten 
Kriegen glänzend triumphiert habe: da spricht er von inclytae re- 
cordationis Carolo magno, nennt ihn dann idem Carolus. Nicht minder 
ruft Gregor (23. October 1236 1. 1. n. 24. § 2) dem Kaiser Fride- 
rich II. selbst in's Gedächtniss : vade ad (uorum memoriam praedeees- 
sorum et inspice: transi ad felicis recordationis Conslanlini Caroli magni 
Arcadii et Valenliniani Imperatorum exempla! 

So unmöglich also auch ein solcher Akt Gregors IX. erscheinen 
muss, so gewiss die Vorstellung von einer solchen Tbatsache aus" 
einer trüben Vermischung der Elevation der Gebeine unter Fride- 
rich I. im Jahre 1165 mit der Reliquienübertragung nach Zürich im 
Jahre 1233 hervorgegangen ist, so findet sich doch in einem offi- 
ciellen Erlasse des Bischofs von Constanz die Sache bereits im 
Jahre 1272 (vgl. unten Anm. 27) als feststehende Thatsache er- 
wähnt (KaroH ab inclytae recordationis Gregerio papa nono solempniter 
canonizati). Da der bezügliche Erlass dem Grossraünsterstifte zu 
Gute kam — denn jede Beschützung des Karlkultus in Zürich war 
ein Vortheil für dasselbe — so ist anzunehmen, dass dieses Stift 
nicht unbetbeiligt an dem Mythus gewesen ist. Ein solcher 
Verdacht muss um so begründeter erscheinen, wenn man in Er- 
wägung zieht, dass der betreffende Bischof Eberhard, der seitdem 
Jahre 1248 seinen Sitz inne hatte, sich auf eine Verordnung seines 
Vorgängers Heinrich (1?33- 1248) bezieht, durch die bereits eine 
Feier des Karlstages angeordnet worden sei ; und in diese sehr 
problematische Nachricht ist auch der Gregorianische Sanctifica- 
tionsmythus aufgenommen 



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— 39 — 

Es liegt nahe, den damaligen ersten Gelehrten der Zttricher 
GrossmUnsterkirche, der sich der vollen Gunst seines vorgesetzten 
Bischofs zu erfreuen hatte, Konrad von Mure, mit dieser Erfindung 
in Verbindung zu bringen ; da aber eine authentische Nachricht 
nicht vorliegt , dass er sich mit Karllegenden überhaupt be- 
schäftigt hat - denn die betreffende Nachricht Hottingers (schola 
Tigurinorum Carolina app. L p. 158], er habe eine genealogia ge- 
schrieben und gesta Carali Magni excerpla ex plurimis kistoriU el ehronieis 
compilaUi, wird wol so gut vfie Morels ähnliche Annahme a. a. O. 
über die Autorschaft unserer Legende auf blosser Combination be- 
ruhen — so wäre es vorläufig ungerecht, gegen ihn den Verdacht 
einer wissentlich oder unwissentlich begangenen Fälschung auszu- 
sprechen 

^ stalula ecclesie Turegeruis, wie die alte Bezeichnung der sehr 
umfangreichen Originalurkunde im Züricher Staatsarchiv (n. 32 P.) 
lautet: Anno damini MCCLVIII vigilia Lwie virginis el martyris (12. Dec] 
indictione (vielmehr: cgcli solis] VII, WNos^ Henricus praeposüus elcapUulum, 
TuricensU ecclesie noitre in quanlum possumus prospicienles commodo el honori 
subscripla proinde slaluimw ad observalionemW eorutndem fide data no^ obli- 
ganles iub hoc paclo, ul ex ip$i$ slalulis praeter auciorilalem praepositi el con- 
sensum capiluli nichil immtUlari debeal uel omilli. Ä poliori ergo in nomine 
domini principium slaluendi sumimus sub hac forma: quum sancti qui in 
canone misse exprimunlur a Christi fidelibus debeanl specialiter honorariy 
slaluimus j ul si aliquorum ex eisdem sanclis festum vel memoriam hac~ 
lenus non habuimus^ ipsorum sanctorum saltem memoriam per anliphonam 
el colleclam deinceps habeamus. Das Folgende bis zur Mitte ist für 
unsere Zwecke ohne Interesse. Ilem licet in ecclesia noslra ex in- 
slitulione el ordinalione Karoli imperaloris sanctisimi el ecclesiae noslrae 
fundatoris sint XXIIII canonici, sed wque ad praesens annum decem curtes 
habeantur, que apud nos choslerhove vulgariter appellanlurj nostrum ad 
commodum et honorem ecclesie; nos tamen proinde slaluimus el ordinamus, 
ut duae curtes de una per quandam sectionem et una de duabus per quan- 
dam unionem nunquam deinceps ßanl, nisi aliud de communi consensu 
capiluli racionabiliter ordinelur, — 

Item anno domini MCCLX — — — subscripla statuta praemissis 

duximus apponenda. Licet cuslos seu Ihesaurarius nosler inier alia 

lenelur publicum allare nostrum omare — — proinde slaluimus --, ut 
omnia alia ecclesiae allaria — — praeter allare quod dicilnr sancte^Mar- 



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— 40 — 

garelhe et aUare quod dicüur $ancH Karoli non de sui offieii expeniis^ $ed 
de communibus ob^lationibus et proventibiu eapUuH modo debil o expedire 
debeal in pallis et aliis consuetis omamenlis eadem iub debila mundilia 
comervando. Ilem — statuimus, ul palle et omaius praedictis altaribus 
sanctae Margarete et sancti Karoli compelenles — — de communibus 
oblalionibus et proventibus minislrentur, 

Ilem librarius seu custos armarii librorum ex officio 
8U0 et ejutdem expensis omnes libros.tam ad publicum 
allare, quam ad chorum quocunque modo pertinenles tene- 
lur ligare reficere ac expedire de singulis quibut ipsi libri 
ad conservalionem suam modo consuelo videntur indigere. 
In lestimonium aulem praemissorum praesentem lilleram sigillit 
noslris praeposili videlicel et capiluli patenter communimus Annis domini 
et diebus nee non indictione praenotalis^ 

2* Zuerst unter Propst Heinrich Maness (1259—1271) ' mit den 
beiden Schutzpatronen Felix und Regula und zwar über denselben 
sitzend, seit etwa 1293 nimmt die »alleinige Figur des Kaisers, 
die ein Heiligenschein und d^r Namen Karolus umgeben, das Siegel- 
feld ein.« G. v. Wyss a. a. 0. S. 9. 

25 Denn in dieser Fassung (vgl. oben Anm. 22 S. 37) darf man 
der an der Achener Legende stattgehabten Umarbeitung gedenken. 

Excurs über die Züricher Handschrift Ott o's v. Freising. 
Die in der Bibliothek der Kantonallehranstalten unnumeriert 
aulbewahrte Handschrift des Buches Otto's von Freising de duabus 
civilatibus (die sog. Chronik) ist auch für den Karlkult belehrend, und da 
Wilmans (Archiv d. Gesellsch. f. ältere deutsche Geschichtskunde XI, 
18 ff.) dieselbe trotz gebotener Einsichtnahme nicht besprochen bat, so 
mögen hier um so mehr einige Bemerkungen über dieselbe Platz 
finden. Ein Band von 16Q Pergament-Blättern (fast 32 Centimdtres 
hoch, fast 23 breit) ist sie in je zwei Golummen — mit Ausnahme 
vierspaltiger Namensverzeichnisse — grösstentheils von Einer Hand 
des dreizehnten Jahrhunderts in i^chö'ner gleichmässiger Minuskel 
geschrieben und die fünfzehn ersten Bogen von je acht Blättern 
(bis Fol. 113) unten genau numeriert, sowie mit den zwei Anfangs- 
worten jedes folgenden versehen — eine Controle , die bei späterem 
Umbinden zum Theil weggeschnitten ist. Die Hand des Schreibers 
hat fol. 126b die Papstreihe bis auf Alexander IV. (12. Dec 1254 



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— 41 - 

bis 25. Mai 1261), fol. 128^ die Kaiserreihe bis auf Wilhelm von 
Holland (3. October 1247 bis 28. Januar 1256) geführt: die Arbeit 
ist sonach zwischen dem December 1254 und dem Anfange von 
1256 gefertigt — nach der ungemeinen Gleichmässigkeit der Dinte 
zu schliessen, in rascher Förderung. Das achte Buch , die ideale 
Schilderung des Gottesstaates der Zukunft, hat der Schreiber, von 
dem eigentlich historischen Theile ganz getrennt, an das Ende ge- 
setzt ; geschrieben ist dies achte Buch auf zwei Lagen von je 10 
Blättern (fünf Pergamentstreifen) mit der nöthigen Conlrole (fol. 
151b u.). Aber der Schreiber selbst kannte auch das siebente Buch 
gar nicht mehr in seinem wirklichen Bestände. Schon Urstisius, 
dem die Handschrift vorlag, bemerkte (S. 196), dass hier mehrere 
Kapitel seiner Ausgabe in je eines zusammengezogen, das letzte 
Über die Mönchsorden- ausgelassen, das 29. und 31. verwechselt 
seien, derart, dass Kap. 25 unserer Handschrift dem 31. bei Urs ti- 
sius entspricht, Kap. 26 dem 32. mit Zusätzen, welche Otto fremd, 
sind, 27 dem 30., dessen Schlusssatz fehlt, Kap. 28 im Wesent- 
lichen bis auf den der Handschrift eigenthttmlichen Schlusssatz 
dem 33. bei Urstisius gleichkommt. Mit Kap. 29 (fol. 103a) beginnt 
dann — wie auch ein neuerer Leser angemerkt hat — die Fort- 
setzung Otto's von S. Blasien, welche sich vollständig his zum 
Jahre 1208 abgeschrieben findet, ohn'e dass der Schreiber eine 
Ahnung davon gehabt zu haben scheint, wie ihm hier ein ganz 
anderes Werk vorliege. Er hat diesem Ganzen historischer Auf- 
zeichnungen Verzeichnisse von Päpsten und Kaisern angefügt (fol. 
125» bis 138 *>) und dazwischen das regislrum provineiaUf eine Auf- 
zählung der sämmtlichen römisch-katholischen BisthUmer, Copie 
einer aus einer römischen Sammlung gefertigten Vorlage [Explkit 
provinciale quod excerpsU magüler T. de liöris Romane ecclesie ubi hec 
plenarie conlinentur foL 134 b). Ueberall ist bei diesen Verzeichnissen 
Raum zu Fortsetzungen und Noten gelassen, der denn auch von 
verschiedenen Händen des 13. und 14. Jahrhunderts reichlich be- 
nutzt ist. 

Die Handschrift gehört nach ihren Interpolationen zu den im 
weifischen Interesse bearbeiteten (vgl. Wilmans a. a. 0. S. 34fiO; 
der in diesem Sinne verfälschte Text von III. 23 und 25 findet 
sich z. B. fol. 99t> col a, nur dass in Gap. 25 statt ex improuiso 
superueniens einfach collecto milile superveniens gesetzt ist mit Weg- 



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- 42 — 

lassang des ex improuiso, was dem Welßschen Interesse noch besser 
entsprechend scheinen mochte. Dagegen ist unsere Handschrift 
von Witielsbachischen Interessen nicht afficiert ; die entscheidende 
Stelle gegen die Witteisbacher (VI. 20) findet sich in ungeminderter 
Bitterkeit fol. 85^ col. b. Von zwei anderen Interpolationen, die 
zusammen betrachtet sein wollen, hat unsere Handschrift die eine, 
eine blosse Erläuterung Ottonischer Worte , die sich voin Rande 

in den Te^ct verirrt hat (lib HI. proK :- fol. 37« col. a : uel silentio 

peccanda eiti) ; dagegen fehlt die andere, eine Lesefrucht eines inter- 
polierten Hieronymus, gänzlich (lib. III c 25 p. 63 1. 3SUrst. : Eo 
tempore — martyrio coronatur fol. 47* col. b. untenl. 

Man darf nach sorgsamer Erwägung sagen, dass unsere Hand- 
schrift das Original einer anderen etwas stärker interpolierten ist, aus 
welcher die beiden Wiener des sechszehnten Jahrhunderts ge- 
flossen sind, die bei Wiimans die Klasse II B biMen (S. 33 a. a. 0.). 
Soviel ich aber sehe, hat unsere Handschrift ferner keinen der 
bezeichnenden Fehler und der Lücken der noch ganz interpola- 
tionsfreien altern Gruppe. 

Beide Umstände, verbunden mit der früher bemerkten Eigen- 
thUmlichkeit des siebenten Buches berechtigen uns anzuaehmen, 
dass unsere Handschrift aus einer altern unter weifischen Ein- 
flüssen entstandenen geflossen ist, deren Schreiber die Fortsetzung 
des Otto von S. Blasien in harmonische Verbindung mit Otto's 
Buche von den beiden Staaten gebracht hat 

Entstehungszeit und Quelle der Handschrift lassen sich, wie 
man sieht, feststellen; das ist aber keineswegs mit dem Lokale 
der Entstehung der Fall; denn die von S. Vögelin (das alte Zürich 
S. 68) aufgestellte Behauptung, sie sei im Jahre 127G aus Viterbo 
hieher gebracht worden , beruht wol auf folgender Nachricht auf 
Blatt 159b neben einer nachträglich angefügten Weihe- und Krö- 
nungsordnung des römischen Kaisers : ritum ordinem el modum con- 
secrandi regem Romanorum in imperalorum scripsil fraler Lutoldus de 
Reginsberg ordinis fratrum prtiedicalorum de Turego Lalerani de libro 
cuiuedam cardinalis (wo! dem fortgesetzten Über ponlißcalis des Petrus 
Pisanus) anno domini 1276 el huic libro in memoriale perpeluum anno- 
tauii anno domini 1277 crastino Verene virginis gloriose. Lutold muss 
sonach vielmehr erst nach seiner Rückkehr in Zürich, wo sich die 
Handschrift bereits befanden haben mag, am 2. September 1277 



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- 43 — 

seine ^uf der Reise gefertigte Copie eingetragen haben, wie denn 
ebenso zwei andere ähnliche Nachrichten auf dem letzten Blatte 
zu verstehen sind , die sich bei Urkundenabschriften finden ; über 
der einen: formam iuramenti, quod praestabii rex Romanorum domino 
pape scripsit fraler Lntoldus Lalerani de libro euiusdam notarii cum forma 
priuilegii, quod idem concedel eidem, unter der andern : htud excepil 
frater Lutoldus de inlegro rescripto priuilegii, quod dedil Romane eeclesie 
Constanlinus, postquam a beato Siluestro extitil baplizaius; verum preter 
ea, que hie excepla sunt, eeclesie Romane indulsit maximas libertales, 
que ibi plenius sunt expresse; istud rescriplum inuenit idem frater in Vi- 
terbio in domo fratrum predicatorum. Dem Gonvente desselben Do- 
minikanerordens in Zürich gehörte, übrigens Lutold aus dem be- 
nachbarten Regensberger Dyna^tengeschlechte bereits mindestens 
seit dem November 126! an (gütige Mittheilung des Herrn Prof. G. 
V. Wyss). 

Für den Ursprung der Handschrift beweisen die angeführten 
Randbemerkungen, wie gesagt, gar nichts. Aber Urstisius, dem 
dieselbe nach beendetem Drucke des Otto von Freising im Jahre 
1585 nach Basel geschickt wurde, meldet von ihr (S. 196 vgl. 
S. 402), sie trage — vermuthlich auf einem der nun verlorenen 
Vorsetzblätter — eine Aufschrift, nach welcher sie, deren Werth zwei 
Mark betrage , im Jahre 1280 von einem Magister Andreas, Pfarrer 
bei der Peterskirche, den Chorherren zum grossen Münster zum 
Geschenke gemacht worden sei. 

Von diesem frühern Besitzer zeigt die Handschrift keine Spur 
mehr; dagegen besagt eine Eintragung, vielleicht von derselben 
Hand, welche die Wahl König Adolfs (5. Mai 129?) auf Bl. 141^ 
und den Tod König Albrechts I. (K Mai 1308) auf Bl. 128b ver- 
zeichnet hat, auf dem ersten erhaltenen Blatte unten : Iste liber est 
fratrum ordinis praedicalorum de Turego; darüber steht mit Zügen 
des 15. Jahrhunderts : Zurych zum grossen Münster und eben solchen 
des 17. : sum bibliothecae majoris Tigurinae. Mit der Notiz bei Ur- 
stisius verbunden, muss man sonach annehmen, dass das Buch 
von den Dominikanern jenem Pfarrer, der es dem Chorherm über- 
geben, zugekommen sei. Das Jahr 1280 wird aber wol auf der 
unrichtigen Schlussfolgerung beruhen, dass ein Pfarrer Andreas 
von der Peterskirche in diesem Jahre allerdings sonst bekannt ist ; . 
nichts verhindert jedoch, einen solchen vom Ende des fünfzehnten 



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— U — 

Jahrhunderts anzunehmen, in welchem nach dem Jahre 1475 kein 
Pfarrername erhalten ist (Hess, Geschichte der Pfarrkirche St. Peter. 
Zürich 1793. S. 75, 77). Und auch die Thatsacbe spricht für das 
Ansehen der Handschrift bei den Züricher Dominikanern, dass von 
einem aus ihrer Mitte eine Copie derselben angefertigt wurde, welche 
Urstisius ebenfalls erhielt und welche vermuthlich identisch mit 
einem nun verschollenen Exemplare des Otto in rothem Einbände 
war, dessen noch im Anfange des sechszehnten Jahrhunderts gedacht 
wird. (Hotz, zur Gesch. des Grossmünsterstifts und der Mark 
Scbwamendingen p 325 aus dem Promtuarium von Felix Frei:) 
Qwidam varias eeelesias in diver$is regionibut fMraedielo magno Carolo 
eonstruelas et fundatas in fine chroniee OUoni$ Frisingensis superducle rubea 
pelle subneclit: item ecclesiam imperialis prepositure Thuricensis cet. Weitern 
Aufschluss über dieses Cbronikexemplar gibt aber eine Earllegende 
in dem 1346 angelegten Statutenbuche des GrossmUnsters (Stadt- 
bibliothek, Handschrift G 10, Tit. XXX VU: De quibusdam geslü Karoli 
magni imperatarig et confessoris) welche beginnt: Felicis recordationis 
dominus Otto Frieingensit episcopus notat in chronica iua in qua scribitur 
de gestis antiquorum — — — usque ad Gregorium IX. (X.?) et regem 
Rudolfumy qui fuU natione de Habsburg. Et inter ceteros de, magno 
sancto Karolo libro V eapüulo XXXI. ita scribit: anno a. i. d, 801 ab 
urbe vero eondita 1552 Karolus fit imperator. Et iste Karolus est fun- 
dator ecclesie prepositure Thuricensis, Hie 33^ regni sui anno cet. Nach 
allgemeiner Erwähnung der KircbengrUndungen des Kaisers wird 
die Züricher Gründungslegende ausführlich sammt Güteransprüchen 
des Stiftes gebracht: das Alles war also in die bis nach 1273 
fortgesetzte Gopie des Otto eingeschwärzt. 

Eine Abgabe der uns erhaltenen Handschrift bereits im 13. 
Jahrhundert von Seite der Dominikaner» nachdem ein angesehenes 
Mitglied des Klosters erst vor wenigen Jahren dieselbe mit einer 
Anzahl für jene Zeit sehr interessanter Dokumente bereichert hatte, 
ist daher auch von dieser Seite nicht anzunehmen. 

Hält man sich nun diese Umstände gegenwärtig, die Benutzung 
der Handschrift im Dominikanerkloster zu Eintragungen von Ur- 
kunden und Regenten wechseln; ihre Neusicherung durch eine Ab- 
schrift, so wird man auch für die Auflassung älterer Zeiten die in 
dem Kloster herrschende Ansicht zuweilen kennen zu lernen er- 
warten dürfen. Glossen mancherlei Art, besonders von Lutolds 
von Regensberg Hand, gewinnen hiedurch ein höheres Gewicht. 



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^ 45 - 

Für den Kult Karls des Grossen hatte Lutolds Kloster natürlich 
nur ein geringes Interesse und es ist bezeichnend genug, dass 
obwohl er selbst in den Siebziger Jahren, wie gesagt, Eintragungen 
vornahm, von dem bischöflichen Erlasse des Jahres 1272, welcher 
Karl an seinem Todestage in sämmtlichen Züricher Kirchen als 
Heiligen zu verehren gebot, in unserer Handschrift schlechterdings 
keine Notiz genommen wird. Der Auszug aus Einhard, den Otto's 
historisches Lehrbuch hier im Wesentlichen giebt, ist nur hie und 
da zu wenig bedeutenden Anmerkungen benutzt, so (V, 31 ed. 
Urst.) fol. 76» col. b. zu ad Francos derivalum: Hegnum Romanum 
ad Francos transferlur oder (V, 32 ed. ürst.) zu aclus ejus ac bella 
que gessil: nola de gesiis Karoli, die denn nun freilich nichts von den 
Grossthaten der Legende melden. Karls Massigkeit im Trinken (a. 
a. 0.) hat einen damaligen Leser in Erstaunen gesetzt: islud est 
dignum notalu, 

27 Eberhardus d. g. e, Conslanciensis episcopus ÄbbaUisse ordinis 

SancU Benedicti, priori predicalorum , gardiano frairum minorum, priori 
fratrum ordinis Saudi Augustini et eorundem conventibus, preposito et 

capiiulo et universis plebanis et vieeplebanis in Turego — salutem, 

hone memorie Heinricus episcopus Constantiensis predecessor noster 

de bona eonsilio natalem ipHus Karoli ab inclite recordationii Gregorio 
papa nono sollempniter canonizati in oclava Sancte Agnetis occurenlem 
firmiter statuil in ecclessiis abbatie prepositure et Sancti Petri in Turego 
et in ipsarum ecclesiarum parochiis et lerminis cum omni ueneratione 
ferialiter et sollempniter observari^ ut ab omni strepitu causarum et omni 
apere servili eodem cessetur natali, maxime cum ipse sanlissimus Carolus 
loci Thuricensis evidens extitit exaltalor. Nos antecedentis predecessoris 
noslri factum, quod noslrum reputamus^ presentibus innouamus. — — 
Datum Constancie anno domini 1272 kathedra Sancti Petri (22. Febr.). 
Vollständig bei G. v. Wyss a. a. 0. S. 15. 

28 Eine Zusammenstellung der hervorragendsten Persönlich- 
keiten jener Zeit gibt ein erstaunlich belebtes Bild, das schon den 
zeitgenössischen Minnesänger Johann Hadloube (ed. Ettmüller Nr. V 
in den Mittheilungen der antiq. Geseilsch. Bd. IT) frappierte. Vgl. 
(G. "v. Wyss) Beiträge zur Geschichte der Familie Maness, Neu- 
jahrsbl. der Stadtbibl. 1849, S. 7. 

29 — «uss gutem gemüt, durch das göttlich wortt, das sich allen- 
thalben uSlhUt, gereitzto, wie Bullinger, Reformationsgescbichte I., 



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- 46 - 

115, aus dem Vortrage des Chorherrenstiftes bei seiner SelbslUber- 
gäbe an den Rath, 29. Sept. 1523, anführt. Die entscheidenden 
Worte des betreflenden Vertrages über Errichtung von Lehrkanzeln 
siehe oben Anm. 2. Aus einem ähnlichen sittlichen Aufschwung 
gieng das ünterrichtsgesetz vom 28. September 1832 hervor. Vgl. 
unten Anmerkung 87. 

^ Eberhardus dei gracia Constanciensü episcopus dileclis in Christo 
preposito lotique capilulo Turicensis prepositurae salulem in domino. 
Literas 11 vestrae petitionis recepimus continentes, quod vos cantorem, quem 
hactenus non habuisUs, ordinaverilis de novo^ magi$trum Chonradum (vpn 
Mure) II concanonicum vestrum ad idem canloris officium cerlis officiis 
ad hoc depulalis proinde assumendo, slatuentes, ut eandem dignitatem, quam 
eantores majoris ecelesiae Basileensis habenl, in sessionibus processionibus 
et aliis vester cantor in ecclesia vestra debeal optinere, unam eliam thes- 
auriam unilo consilio et comensu staluerilie de duabus thesauriis quae 
hactenus in ecclesia vestra fuisse dinoscuntur. (Folgen 7 Zeilen.) Nos 
ilaque, qui ex officio noslro eeclesiarum nostrae dioecesis commodum 
ampliare cupimus et honorem, vestram providentiam propter hujus modi 
laudabiles ordinationes de unione duarum thesauriarum et constitutione 
seu ordinalione cantoris in ecclesia vestra perpelualiter habendi, in do- 
mino commendamus et seeundum petitiones vestras ipsas ratas habendo 
et praegratas auctoritate ordinaria de consensu capituli praesenlibus con- 
firmamus. Et in hujus confirmationis evidentia'n pleniorem praesentem 
litteram vobis conferimuSj sigillo noslro videlicet et nostri capituli patenter 
communitam, Datum Constantiae anno domini 1259^ Kalendis Maii in- 
diclione secunda. Mit anhängenden Siegeln Der oräo divini officii 
per magistrum Chunradum primum cantorem seeundum consueludinem 
chori praepositure l'huricensis compilatus, de qua consuetudine praeter 
auctoritalem praepositi et consensum capituli nullus canonictu quantae- 
cumque auctoritatis vel scienliae non praesumat aliquid immutare , findet 
sich als principium breviarii ecelesiae preposilure Thuricensis unter Titel 
XIX. im Statutenbucbe der Propslei Grossmünster (Stadtbibl. 
Handschrift C 10^) eingetragen, ein strenges Cerimoniell, bei dem 
der Verf. seines Amtes Ehre gewahrt hat: Canlore feslivis diebus in 
ehoro seeundum exigentiam chori stante nullus canonicus vel elerieus in 
choro seiebit, nisi aliqua evidens debilitas vel infirmitas illum debeat ex- 
cusare; et quocumque festo cantor est in choro ^ soll canonici ad allare 
publicum ministrabunt. 



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— 47 — 

' ^> Die belrefifeDde Urkunde mit bischöflich GoDStanzer Bestäti- 
gung vom 24. April 1273 ist bei Hotlinger {hül eccles. VIIL, 1226 
sqq.) im Ganzen richtig aus dem Originale im Züricher Staatsarchive 
Nummer 47 Pr. abgedruckt; doch ist u. A. p. 1227 1. 12 v. u. zu 
lesen: promlis affeclibus et expediUs e/fectibus, 1228 1. 1 Scholcutria^ 
1230 1. 13 ScholaslTiae y I. 22 eliam diclus nobilis vir, l. 27 consueta, 
i231 1. 20 succeBnores Was ihren Inhalt angeht, so wird durch 
diese Urkunde keineswegs zuerst ein Schulenleiter (Scholasticus) 
eingesetzt, wie denn nachweislidi (vgl [S. Yögeh'n] Gesch. des 
ChorherrengebäudeSy Neuj. 1853, S. 3, Anm. 7) in den Jahren 12^5, 
1245, 1248, 1251 solche erwähnt werden; diese irrige Auffassung 
stammt von Bullinger (Chronik II, 4), der die Urkunde, obwol er 
sie selbst anftihrt, nur flüchtig gelesen haben muss, ist von üot- 
tinger nach kurzem Bedenken [quantum ex documenlü collegii assequi 
poiui, Schola Tigur, p. 15) in der Kirchengeschichte VIII. 1226 ein- 
fach übernommen und von den Späteren beibehalten worden. In 
der That wird dem Amte des Scholasticus nur die freie Verfügung 
{auctorUaiem liberalüer Iribuenles) über die Schule und ihren Rector, sowie 
eine Jahreseinnahme von 20 Mass Waizen aus den Stiftseinkünften 
oder zwei von dem Rector zu zahlender Mark Silber, je nach Gut- 
flnden bei jedesmaligem Absterben des Scholasticus , endlich das 
von dem damaligen Inhaber der Würde geschenkte Haus für immer 
gesichert. So wenig bedeutend die Bestimmungen erscheinen, sie 
reichten doch in der That aus, die Continuität des Institutes zu 
wahren. 

32 Denn wie hätte die in der RemptenerCompilation des Jo- 
hannes Birk enthaltene Züricher Erweiterung der Achener Le- 
gende einer solchen Tradition nicht gedenken mögen (vgl. oben 
Anm. 22, S. 29u. 37).! 

5^ Es ist die bereits oben (Anm. 26, S. 44) erwähnte, in dem 
Statutenbuche des Grossmünsters Tit. XXXVII. erhaltene Legende, 
welche sich an eine in den siebziger Jahren des 13. Jahrhunderts 
in die Gopie des Otto von Freising eingetragene Interpolation an- 
schliesst (vgl auch Anm. 22, S. 37) und mit einem Auszuge aus 
dem Rotulus (vgl Anm. 11 und 12) endet. Wenn Konrad von 
Mure, was sich vorläufig freilich nicht erweisen lässt, die Schuld 
an den Zuthaten der Karllegende und den Er6ndungen über die 
Elevati on der Gebeine trägt, so ist das Schweigen über die Ka- 



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— 48 — 

roliniscbe Stiftsscbule, die er doch selbst lange leitete , wunder- 
lich genug. 

3^ Ich entnehme das einer nachträglichen Aufzeichnung aus dem 
Ende des vierzehnten Jahrhunderts in dem Statutenbuche Tit. CIX, 
wonach Propst Wernher (von Reinach 1373—1383), Domherren und 
Kapitel nach langen Verhandlungen über eine Reihe von Punktationen 
übereingekommen sind, quae nobis videbanlur et videnlur juri consueludini 
et statutis ecclesie noslre consonanda. PHmo quod antiqua et regalis praebenda 
beati Karoli magni imperatoris et confessoris ac fundatoris et dotalorü ecclesie 
nostre prepositure Thuricensis, queprebenda olim tempore pUture inpane duplici 
videlicet simulorum ordinariorum et curie vulgariter hofbrot omnibus ea- 
nonicis residentibm et extrarCeis et non residentibus de pistrina dabatur 
et obmissa et neglecta a viginti annis circa et ultra etusque 
ad lempus praesens , de cetero et in antea dari et ministrari debet 
Omnibus et singulis canonicis cet. Folgen Specialbestimmungen über 
die Getreidelieferungen an Kanoniker an diesem Tage, die in be- 
scheidenerem Maasse auch in einigen Anniversarien zum Karlstage 
(Stadtbibl. Hdschft. G \0^ und G 6, letztere die Notiz beginnend : 
Karoli magni imperatoris summum festum) notiert sind, in anderen (wie 
G 10b, d und e) ist nur der betreffenden Verfügung eines Lutold, 
Meiers von Meilen, gedacht. 

3* Weder in Statuten noch Urkunden ist, so viel ich sehe, auch 
nur ein einziges Mal auf die Translation der Reliquien oder die 
Umgestaltung der Schulleitung hingewiesen. Das Statutenbuch von 
1346 geht durchaus von der Voraussetzung aus, dass in beiden 
Beziehungen bei Menschengedenken keine der Aulzeichnung wür- 
dige oder vielleicht auch für die Berechtigungen der Stiftsange- 
hörigen relevante Thatsache vorliege Und doch stand das Karls- 
heiligthum noch im J. 1488 in solcher Verehrung, dass man ernst- 
lich behaupten konnte, gestohlene Reliquien, die nach Zürich ge- 
bracht waren, hätten sich unter Karls Schutz geflüchtet. Vgl* B. 
Reber, Felix Hemmerlin (Zürich 1846) S. 307. 

^ Vgl. im Allgemeinen : Rettberg, Kirchengeschichte Deutsch- 
lands II, 796 ff*. 

3^ Kap. 71 : (Mon, Germ. Leges. 1 Ö4 sq,] — ut ministri altaris Dei 
suum ministerium bonis moribus oment seu alii canonici obser- 
vanliae ordines vel monachici propositi congregationes obsecramus^ 
ut — eorum bona conversatione multi protrahantur ad servitium Dei, et 



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-^ 49 — 

non poltern servilis eondüionis infantes sed eliam ingenuorum filios adgre- 
ganl sibique socianl; ei ut scolae legenlium puerorum ßanl. Als ein ordo 
«monieae observanliae und zwar mit den nach dem Muster des Be- 
nedictus von Chrodegang vorgeschriebenen sieben Hören (Rett- 
berg I, 497), erscheint die Züricher Gongregation in der Tbat schon 
in dem ßotulus (vgl. oben Anm. 11 und 12): ad incremenium con- 
gregalionis canönicorum, ui ibidem regulari disciplina vivenles die nocluque 
indeßciendo sepcies in die domino laudes implendo subsislerenl, oder wie 

es in der jüngeren Aufzeichnung heisst: sub uiia canönicorum 

siCy ul usqne in euum dum mundus manel mos est, ibidem populis calho- 

lica£ ßdei et crisUanitatis omni tempore ministerium querere et habere 

permanerent, 

^ »Als er aber (um 840) nach Konstantinopel kam, Übergaben 
»sie ihn (Konstantinos) Lehrern zum Lernen. Und nach dreimonat- 
»lichem Unterrichte in der Grammatik« — die kurze Zeit konnte 
bei seiner vorzüglichen Vorbildung genügen — »erlangte er die 
ȟbrigen Wissenschaften: er lernte den Homer und die Geometrie 
»bei Leo, bei Photios die Dialektik und alle philosophischen Dis- 
»ciplinen, dazu die Rhetorik und Arithmetik, Astronomie und Musik 
»und die sonstigen hellenischen Künste.» Altslawisches Leben des 
heil. Konstaötinos oder Kyrillos (starb 14. Februar 869) Kap. IV. 

39 Fr. Lorentz, Alkuins Leben, S. 54 ff., geht von ganz fremd- 
artigen Anschauungen bei einem Versuche derart aus und lässt 
sich von rhetorischen Wendungen Alkuins täuschen. Psalmos (so 
fährt das Anm 37 allegierte Gapitulare von 789, Kap. 71 , fort) nolas 
cantus compolum grammaticam per singula monasteria uel episcopia et 
libros catholieos bene emendatos — quia saepe dum bene aliqui Deum 
rogare cupiunt^ sed per inemendatos libros male rogant — et pueros vestros 
non sinile eos vel legende vel scribendo corrumpere. 

4ö »Weil Satan in der Unwissenheit der Menschen seine mäch- 
tigsten Waffen findet.» Aus dem Gesetzbuche des Staates Connec- 
titut von 1650 bei Tocqueville, dhnocratie en Amerique I, 68. 

^> Laidradi archiep Lugdun, epist. ap, Mabillon analccta velt. (Paris 
1723) p. 8öa-b Vgl. meine Oesterreichische Geschichte I, 151. Er 
nennt sich L, licet indignus divina tarnen dispensatione et vestra misera- 
Hone Lugdunensis ecclesie episcopus. Christianissima et admirabilis religio 



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— 50 - 

veslra alque in deum ardentissima fides divina impiralione adlacta et pm" 
sima goUicitudine permola jussil ceL 

42 Gegenüber der besonders von Leo und Waitz (Deutsche 
Verfassungsgeschichte HI. 93, 236) vertretenen Ansicht des ein- 
fachen Entscheidungsrechtes der Grossen zwischen Kindern und 
Bruder eines verstorbenen Königs, das in der mildei) Bestimmung 
der Reichstheilung von 806, Gap. 5 eine Bestätigung zu erhalten 
scheint, glaube ich betonen zu sollen, dass bei dem Absterben 
Karimann's der Rechtsanspruch von dessen Kindern sehr ansehn- 
liche Vertreter gehabt haben muss. Man betrachte nur die Nach- 
richten: der ofücielle Annalist weiss nichts von Karlmann's Söhnen 
und spricht nur von einigen wenigen Franken, die nach Karls all- 
gemeiner Anerkennung mit Karlmann's Wittwe nach Italien ge- 
gangen seien {uxor vwo Karlomanni cum aliquibus paucis Francis partibui 
llaliae perrexeruni. Ann, Lauriss. 771); Einhards Biographie meldet 
aber doch (G. 3), wol nach Erinnerungen der Hofleute, dass ein 
Theil der Grossen, und zwar die hervorragendsten von Karlmann's 
Hofe, dessen Wittwe und Söhne nach Italien begleitet, Karl aber 
zu dieser ihrer Abreise nicht Veranlassung gegeben habe : üxor 
eiu$ et filii cum quibusdam qui ex oplimatum eins numero primores erant 
llaliam fugam peliit et nullis existentibus causis spreto mariti fralre sub 
Desiderii, . . patrocinium se cum liberis suis contulit; in der hienach ver- 
fassten jüngeren annalistischen Umarbeitung ist dabei (Einh. ann. 
771) Karl noch Langmuth angedichtet. Wer wollte sagen, dass 
nicht eine ernstliche Bedrohung von Karls Macht in der Salbung 
seiner Neffen gelegen hätte, die man Papst Hadrian I. ansann ? 
{Vita Hadriani ap. Vignolli p, 181.) 

43 — industrio pietatis studio egit, ut novus quodammodo videretur 
mundus magnis luminaribus venustatus et variis vernantibus ßoribus ad-- 
omatus. Gitat aus einer Rede Papst Johanns VIII. bei DUmmler, 
Gesch. d. ostfränk. Reiches II, 647. 

4'* Ecclesias donis populos et dogmate sancto Imbuil et cunctis pandit 
ad asira viam. Epitaphium Hadriani, noch heute erhalten: vgl. Gre- 
gorovius, Geschichte der Stadt «Rom im Mittelalter II, 504; der 
Grabstein ward mit der fertigen Inschrift von Karl nach Rom ge- 
schickt (ann. Lauresh. 795 SS. l, 36). Gf. Einhardi vita Karoli M. 
G. 19: Nuntiato etiam sibi Adriani Romani pontißcis obitu, quem in 



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— 51 — 

amitis praetipuum habebat, sie ßevii, ut fUium aul si fralrem amimsaei 
earisiimum, 

45 ^ praeeipue tarnen asironotniae edüeendae plurimum et Itmparis 
tt laborU imperlivit, discebal ariem computandi et intenlione sagaci syderum 
eursus curiosüsime fimabatur, Binhard l. 1. G. 25. 

^6 Äleuini opera ed, Proben I, 181. 

*' Cf. ib. ep. 23 p. 33. 

«« Gapit. gen. ca. 770. Mon. Germ. LL. I, 33. 

49 — quia fonclae eecleeiae euae tarn pium ae devotum in eervitio 
Dei concesHl habere reetorem, qui euis temporibus sacrae eapienliae fontem 
aperiene oves Christi indesinenler sanetis refieit alimenlis ac divinis in^ 
struit disciplinis Christianumque populum indefesso labore amplificare 
eonatur hilariterque Christi honorat eeclesias ac de fauee diri draconis 
muUorum animas studet eripere et ad sinum sanctae matris $cclesiae 
revocare atque ad gaudia paradisi et ad regna eoelestia omnes communiter 
invitare sancta sapientia sim devotissimoque sudio ceteros reges Irans- 
üendens. Sirmondi 1. 1. 274. 

50 _ f)ir prudentissimus adque largtssimiu et Dei dispensator: Ann. 
Lauriss. a. 796. (SS. I, 182 ) 

^> Das gewöbniieh Angilbert zugetheilte carmen de Karolo %n Mon. 
Germ. SS. II, 393—403. 

52 — quid eurae nobis est, ut nostrarum ecelesiarum ad meliora semper 
profidat Status LL. I, 44. Er dachte sfich in ein Kloster zurückzu- 
ziehen: post obitum suum, sagt er in seinem Testamente bei Ein- 
hard Kap. 33 , aut voluntariam seculariutn rerum carentiam. Sein 
Kaiserthum fasst er als religiöse Verpflichtung für sich wie die 
Untergebenen Eine Belehrung über den neuen Fidelitfttseid, der 
dem Kaiser zu leisten war, fasst denselben zugleich als Inbegriff 
der Tugend : ut seiant omnes islam in se rationem hoc sacramentum 
habere, primum ut unusquisque et persona propria se in sancto Dei servitio 
— pleniter conservare studeat LL. I, 91. 

^' Augustus sedet urbe potens, Carmen de Karolo üf. 1. 1. v. 94. Einhard 
entnimmt seine Phrasen vorzugsweise aus dem suetonischen Augustus. 
Als stehender kaiserlicher Titel i9t der Name seit der Krönung an- 
genommen. Auffallend ist die Spärlichkeit der Vergleichungen mit 
Cäsar und der Benennungen mit dessen Namen, in historischen 
Aufzeichnungen chron, Uoissiae. 801 [primus ex genere Francorum 
Caesar est appellalus) und ann. S. Gall. 814 (domnus Karolus Cßesar 



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~ 52 — . 

obiit). Karls zweiter Sohn Pippin wird noch über Cäsar gestellt m 
dem Lobgedichte 'über den avarischen Sieg: Quae regna terrae non 
fecerunt —Neque Caesar et pagani, 

^'* Jaffe regeHa pontificum Romanorum p. 200 n. 1854. 

«5 Das earmen de Karolo bedient sich des Namens nur mit Zurück- 
haltung, an einer Stelle {^. 416: Rex piu$ interea gelidum trans- 
navigai amnem David) ohne einfeuchtenden Grund, an einer anderen 
mit besonderem Glänze (v 14) ihn der Sonne vergleichend: Datid 
inlustrat magno pielatis numine terrae, was für den faeundm H&merue 
(v. 74) des Kreises doch sonderbar ist. 

«6 Gap. eccles. a. 789 LL. I, 54. l 11. 

*' — et qui redimere voluisset, quod vinum licenliam habuisset bibendi 

ipsis Iribus diebue Sic comideraverunt sacerdotes nostri et nos omnes 

ita aptißcavimus. Brief Karls an seine Gemahlin bei Sirmondi con- 
cilia Galliae 11, 158 Das Moment der Rücksichtnahme auf die 
Untergebenen habe ich hierbei in meiner österr. Gesch. I, 132 
nicht genügend hervorgehoben. 

^^ Ne aliquis^ quaeso, huius pietatis ammonilionem esse praesumluosam 
judicet, qua nos errata corrigere , superflua abscidere, recta cohartare 
sludemuSy sed magis benivolo caritatis animo suscipiat. LL. I, 54. 1. 8 sqq. 

55 Schon Einhard's {vita v. 25) Satzentlehnungen aus Suetonius 
sollen hier sichtlich, den Kaiser seinen gelehrten römischen Vor- 
gängern Titus, Augustus und Tiberius gleichstellen. 

^ Grammaticae doclor constatpraelucidusarlis; Nullo unquam fuerat 
tarn elarus tempore leclor; Rhetorica insignis vegetat praeeeptor in arte; 
Summus apex regum^' summus quoque in orbe sophista, Carmen de 
Karolo üf. V. 67 sqq. Adeo quidem facundus erat, ut etiam didcucalus 
appareret, Einhardi vita K, M, C. 23. 

<>> Aleuini opp, ed. Froben I, 180. ep. 124. 

62 (Jeber die betreuende Schenkung an Paiilinus von Aquileja 
und die entscheidende Stelle aus dessen liber exhortationis vgl. 
meine üsterr. Gesch. I, 142 fi. 

^ Vgl. Otto Abel, Einleitung »zur Geschichte der Langobarden 
von Paulus Diaconus (Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit. 
Berlin 1849) S. XIL 

^'* In diseenda grammalica Petrum Pisanum diaconwn senem audivii. 
Einhard I. 1. G* 25. Petrus klagt selbst in einem Briefe an Paulus 



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- 53 - 

DiacoDus, in welchem er um Auiltisuiig eines ßälbsels bittet, über 
seioe schwachen Geisteskräfte. Vgl. Betbmann, Paulus Diaconus 
Leben und Schriften (Archiv d. Gesellsch. für alt. deutsche Ge- 
schichtskunde X.) S. 263; wobei ich doch auch bemerkt haben 
will, dass ich Paulus nicht wegen seiner zweifelhaften Autorschaft 
des 3chlecbten Auszuges aus Festus zu unseren Lehrern zähle. 

^^ lieber die politischen Bedingungen der beiderseitigen Stel- 
Jungen vgl. Rettberg, Kirchengeschichte Deutschlands II, 594 ff. Im 
Einzelnen : Jaffi regesta n. 1856, 1870, 1897, 1899. Sachlich am 
stärksten ist n. 1876 (Mansi coli. conc. XII, 793), in dem sich Hadrian 
Ermahnungen wegen Sittenbesserung verbittet. 

66 _ pfo honore veslri palricialus nullushomo esse videtur in mundo, 
qui plus pro vestrae regalis excelknliae decertare moliatur exaUalione^ 
quam nostra assidua aposlolica depreeatio. Jaf!^ 1. 1. n. 1895. (Mansi 
1. l. 800«) Vgl. oben Anm. 44. 

6^ _ qua magis nohi^ necessaria videbantur, wie Karl (LL. I, 54] 
bei der Publikation sagt. 

^ una cum fidelissimis missis vestris^ ut nobis direxislu praedicti 
Offae regis missos libenli animo suseipienies. Schreiben Hadrian's an 
Karl dd. 789 ap. Mansi coli, concii. XII, 804. 

S9 Gapitul. Francof. 794, G. 56: die Reichssynode nimmt den 
noch fremden Alkuin als Mitglied nach Karl's Empfehlung auf; 
G. 1 verkündet die einstimmige Verwerfung der abweichenden 
Meinungen. Die entscheidende Stelle für Alkuins Unionsthatigkeit 
der angelsächsischen und fränkischen Kirche bringt, wol aus gleich- 
zeitigen Aufzeichnungen, Florentius vom Woroesterund daraus Roger 
von Hoveden p. 405 (ed. Francof. 1601), der mir allein zur Hand ist. 
Alkuin brachte hiernach aus England die Darstellung seiner eigenen, 
Karl's Wünschen entsprechenden Auffassung ea?p^«ona episcoporum ac 
principum nqsirorum regi Francorum, Die Verleihung von Tours er- 
folgte im Jahre 796 (AIcuini opp. I, 151). Daneben besass er seit 
längerer Zeit Ferneres und St. Loup zu Troyes (AIcuini vita anon. 
Gap. 6, opp. I, LXIV). Atif den ihm zugewiesenen Gütern sollen 
über 20,000 Leibeigene gelebt haben (Lorentz a.a.O. 275). Soviel ich 
sehe, beginnt ein durchgreifender Einfluss Alkuin's doch erst mit 
dem Frankfurter Tage. Lösung von vielen geschäftlichen Verpflich- 
tungen war die Bedingung seines, Bleibens (vita anon. G. 8, cf. ep. 
101, p. 151 adn. d., ep. 168, p. 228). 



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-- 54 — 

^^ Aicuini opp. I, ep. 65, p. 87: poteitU ex hac tpeculaliane veslris 
demamlrare familiaribus quam jucunda sil ei ulilU arithmetieae dis-^ 
ciplinae eognitio, p. 53, ep. 38: — per omnes saneiae seripturae paginae 
exhoTlamuT ad sapientiam dUcendam; nil esse ad beatam vitam sublimius 
adipiscendam eet, 

7^ LL. I, 52: quia quod pia devolio inlerius fideliter dielabal , koc 
exterius propler negligerUiam discendi lingua inerudUa exprimere sine 
reprehensione non valebat Die AnsetzuDg des Jahres 786 fUr dieses 
Rundschreiben , auf einen undatierten Zusatz zu den fränkischen 
Rtfnigsannalen hin, lasst sich nicht mehr halten, dagegen im Jahre 
782 sachlich die grosse Umwandlung des fränkischen Hofes durch 
Herüberkunft Alkuin's, Paulus', Petrus', vielleicht auch Theodulfs 
mit dem Könige aus Italien stattfand (Wattenbach, Deutschlands 
Geschichtsquellen S. 89). Die einfache und anmuthige Form des 
Rundschreibens erinnert ohnehin am meisten am Paulus Diaconus. 

'2 — universos veleris ac novi lesiafnenii libros^ librariorum imperüia 
depravatos, Deo nos in omnibus adjuvante, examussim correximus, LL. I, 
45. lieber den Züricher Besitz vgl. oben Anm. 14. 

73 LL. I, 53 vgl. Anm. 71, 

7^ Vere et valde gralum habeo lakos quandoque ad evangelicas efflo^ 
ruisse inquititiones , dum quendam audivi virum prudenlem aliquando 
dicere clericarum esse evangelium discere^ non laicorum. Quid ad haee ? 
Omniß tempus habent cel. Opera I, 181 ep. 124. 

7^ Proinde coereeantur et exerceantur in seholis pueri ad leetionem 
[al, düeciifmem') sacrae seientiae, ut per hoe bene erudili inveniri possint 
ad omnem eccletiae uiUitalem; nee eint reetores iam avidi operalianis, ut 
domus dei desolatione spiritalii omalurae vileseaL Conc. Clovesh» ann, 
747 VII. Vgl. G. Philipps Versuch einer Darstellung der Geschichte 
des angelsächsischen Rechts (Göttingen, 1825) S. 231, dem ich die 
Nachricht entnehme. 

7^ Presbyteri per villas et vicos scholas habeanl et si quilibei fidelium 
suos parvulos ad diseendas liler€u eis comendare vuli, eos suscipere et 
docere non renuanl, sed cum summa earitate eos doceant aHtendentes illud 
quod scriptum est (Daniel 12, 3) : qui autem doeti eet. Cum ergo eos 
doeent^ nihil ab eis prelii pro hac re exigant nee aliquid ab eis aecipiant 
excepto quod eis parentes caritatis studio sua voluntate obtulerint. 
Tfieodulfi episeopi Aureiianensis capitulare ad paroehiae suae sacerdotes 
C. 20 ap Sirmondi concilia Galliac II, 215. — 



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— 55 — 

77 Vortrefflich hierüber: Rellberg II. 772 ff Vgl I, 360, 452, 
406 ff. Die Wichtigkeit der Predigt für die Volkserziehung wird 
nach Vorgang der angelsächsischen Missionäre von Karl seit Gapit. 
789 (Gap. 65, 81 LL. I, 64, 66) immer von Neuem eingeschärft. 
Doch liegt diese wie eine andere , von der allgemeinen Pflicht der 
Gesetzeskunde gebildete Seite der Volkserziehung jenseit meiner 
dermaligen Absichten. 

7s Die 21 der Kanonessammlung beigefügten Kapitel (Gapit. 798 
G. 60-81 LL. I, 63-66) dürfen überhaupt als das Ziel der sitt- 
lichen Volksbesserung von Seite des Königs angesehen werden, 
sie schliessen sich in allgemeinen Vorschriften an Bibelsprüche, 
den Dekalog u. A. an, verbieten aber auch gleichmässig Aber- 
glauben, Volkstäuschung durch Wundermachen, Sonntagsentheili- 
gung; die Einführung des römischen Gesanges steht dem Gesetz- 
geber auf derselben Linie, Im Texte ist auf das Bibelcitat in Kap. 60 
Bezug genommen, welches auch in der Rededisposition wiederkehrt, 
die den königlichen Aufsichtsbeamten (missi) für die von ihnen abzu- 
haltenden Versammlungen mitgegeben zu sein scheint. (Als Admonitio 
generalis in LL. I, 102, I. 19.) 

79 Müllenhoff und Scherer, Denkmäler deutscher Poesie und 
Prosa aus dem VIII. bis XII. Jahrhundert (Berlin 1864), S. 444 und 
446 fl. ; die hier niedergelegte chronologische Neuordnung der 
Reichsakten von 801 und 802 nehme ich als eine im Wesentlichen 
gewonnene an ; die Ergebnisse dortiger Untersuchung vgl. bei 
W. Scherer, über den Ursprung der deutschen Literatur (Berlin 
1864) S. 12, wo die unbeabsichtigten Wirkungen für die deutsche 
Literatur hervorgehoben sind. Aehnliche Anregung für die fran- 
zösische lässt sich wol auch erweisen, vgl. Rettberg II, 773 mit 
den Noten. Die drohende Bestimmung findet sich zuerst in dem 
irrig dem October 802 beigeschriebenen Endbeschlusse der Reichs- 
versammlung, der in der Weise späterer Reichsabschiede zu Stande 
gekommen ist. LL. I, 106, G. 14 und 15. 

so Erwägt man, wie die Einprägung des Glaubens und des 
Vaterunser immer ernstlicher vorgeschrieben wird, März 802 ohne 
ausdrückliche Androhung, mit selbstverständlicher (vgl. d. Brief Karl's 
LL. I, 128) Festhaltung der Pathenschaftverbots LL. I, 100, G. 30 
fil omni$ popultu chrislianug ßdem caiholicam et dominicam arationem, 
fMmarUer teneal; endlich December 805 L 1. p. 135 G. 24) zuletzt 



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— 56 — 

mit einer Einschärfung an die Beamten, auf stnete Ausführung zu 
halten [ut ea quae a muUis tarn annis per eapUularios nostros in toio 

regno nottro mandauimus agercj diaeere diligenier inquirant) und 

einer allgemeinen Bedrohi^ng der Fahrlässigen wegen Missäcbtung 
(— neglegens — lalem disdplinam pereipiat, qualem lalU sU eonlemplor 
percipere dignus)^ so kann man nicht zweifein , dass die Specialbe- 
drohungen (vgl Anm. 8!) später angesetzt werden müssen; viel- 
leicht auf den Nymweger Reichstag Fasten 806, auf welchem nach 
der im Februar vorgenommenen Reicfastheilung eine allgemeine 
eidliche Verpflichtung auf dieselbe mit Erneuerung des Fidelitäts- 
eides (LL. t, 143) beschlossen wurde. Karl mochte eben damals, 
nachdem er durch die Theilungsakte des von Gott beschützten 
Reiches (a deo eonservatiel servandi imperii) die äussere Zukunft des- 
selben gesichert, durch die schon im December des vorigen Jahres 
in Aussicht genommene Einschüchterung [ut ceteri metum habeani 
ampliu» p. 135 I. 17) auch die geistige Zukunft desselben am besten 
zu sichern glauben. 

8^ Symbolum et oralionem dominieam (vel signaculum ist Glosse zu 
symbolum) omnes diseere eonslringanlur. Et 8i quis ea nunc non teneat 
aut vaputet atU jejunet de omni potu excepto aqua usque dum hoc pleniler 
valeat. Et qui ista eonsentire nolueril^ ad nostram praesenliam dirigatur. 
Feminae vero aut flagellis aut jejuniis constringantur. Quod missi nostri 
cum episcopis praemdeanl, ut ita perficiatur (über die Art der Ein- 
übung vgl. Müllenhoff a. a. 0. S. 451); et comites similiter adjuvent 
episcopis^ si gratiam nostram velint habere, ad haec constringere populum 
ut ista diseant. Capit. eccies. C. 2, LL I, 130, vgl. Anm. 80. 

^ — ut orationem dominieam, id est Pater noster, et Credo in Deum, 
Omnibus sibi subjedis insintkent (sacerdotes) et sibi reddi faciant tarn viros 
et feminas quamque pueros, Capit. eccies. m. IV, v. 809, LL. I, 160* 

^ Symbolum quod est signaculum fidei et orationem Dominieam diseere 
semper admoneant sacerdotes populum chrislianumy volumusque, ut disciplinam 
condignam habeant ; qui haec diseere negligunt siue in jejunio siue in alia 
eastigatione emendentur — : et qui aliter non poluerit uel in sua Hngua 
hoc diseaU ConciL Moguntinum a. 813, § 45 ap. Sirmond, concilia 
Galliae II, 285. 

s^ Nach Empfehlung populärer Predigt {juxta quod intellegere volgus 
possit G 14) heisst es in den publicierten Verordnungen nur G 18: 
ut unusquisque compater uel proximus ßliolös spirilales catholice instruat, 



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- 57 - 

qualUer coram Deo ralionem reddet (LL. I, 190); eben in der Allge- 
meinheit der Fassung liegt doch die Ablehnung erneuerter Special- 
bestimmungen. 

85 üt uniuquisqw filium $uum Hteras ad dücendum mittat et ibi cum 
omni sollicitudine permaneat, usque dum bene inslruetus perveniat. Ca- 
pilula examinationis generalis Gap. 12, LL. I, 107; über die Fassung 
vgl. die Verordnungen von Cobham und Orleans (Anm. 75 und 76). 
Die Mainzer Synode von 813, indem sie auf die Instructionsbestim- 
mungen über Vaterunser und Glauben zurückkommt (vgl. Anm. 83), 
will den Schulbesuch der Knaben doch mit besonderer Rücksicht 
auf die betreffende Belehrung der Eltern : Propterea dignum est^ ut 
filios iuos donent ad tcholam siue ad mon€uteria »iue foras presbyteris^ ut 
fidem catholieam recte discant et orationem dominicam ut dornt alias 
edocere valeant* 

S6 Monaehi Sangallensis gesta Karolil^ 3 (Mon. Germ, S. S. II, 132). 

8' Gesetz über die Organisation des gesammten ünterrichts- 
wesens im Kanton Zürich vom 28. Herbstmonat 1832 (OfQcielle 
Sammlung der — Gesetze — des eidgen. St. Zürich II, 313) 
§ 1. Das Anm. 4 angeführte Regierungsprotokoll besagt in der 
dem Grossen Rathe vorgetragenen Empfehlung des Gesetzes (Wei- 
sung), es sei »dasselbe eine der wichtigsten und dringendsten 
der durch die Staatsverfassung gerufenen Arbeiten«. Vgl. § 20 
dieser Staatsverfassung des Kantons (dd. 10. März 1831): »Sorge 
»für Vervollkommnung des Jugendunterrichtes ist Pflicht des Volkes 
»und seiner Stellvertreter. Der Staat wird die niedern und hohern 
»Bildungsanstalten nach Kräften pflegen und unterstützen«. 

^ Als Stifter ehrt ihn auch das Siegel unserer Universität (vgl. 
die Titel Vignette), welches im obern Felde die Grossmünsterkirche, 
im untern des Kaisers am südlichen Thurme dieser Kirche ein- 
gesetztes Steinbild zeigt. 



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Inhalt. 



Seite. 

Text <-«4 

Anmerkungen 4 -M 22-29 

Cxcurs über eine Karllegende 29-39 

Anmerkungen 23—26 39-40 

Excurs über die Züricher Handscbrift des Otto von Freising . .40-45 
Anmerkungen 27-88 45-67 



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